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Dan 

von Margarete Schebesch

Ich riß die Augen auf, so weit ich konnte. Dann, ohne es zu merken, riß ich auch den Mund auf. Als ich endlich wieder zu mir kam, war das runde, glänzende Ding längst im Himmel verschwunden. Es bestand kein Zweifel. Ich hatte es wirklich gesehen und ich erinnerte mich ganz genau an alles.

Am Anfang hatte mich das Sonnenlicht geblendet, welches von der glänzenden Fläche reflektiert wurde. Es war ganz plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht und ich hatte geglaubt, meine Augen spielten mir einen Streich. Aber ich hatte erkannt, daß das Ding dort war, ein fester Körper, und daß es sich ständig drehte. Ein paar Minuten lang hatte es erstaunlicherweise über Dans Haus geschwebt, dessen Lage ich genau kannte. Danach schwang es sich in die Luft und verschwand.

Ich erhob mich von dem weichen Gras, auf dem ich gesessen hatte, und lief zu meinem Wagen, den ich am Straßenrand geparkt hatte. Ich sprang hinein, warf die Tür zu und fuhr in die Stadt.

"Das war eine optische Täuschung, Ray mein Junge. Was sollte eine fliegende Untertasse denn gerade über meinem Haus suchen? Vielleicht hat dich eine Fensterscheibe geblendet, oder..."
"Wie denn? Eine Fensterscheibe in der Luft?"
"Ein Kran vielleicht?"
"Dan, warum machst du dich über mich lustig? Ich habe dir doch gesagt, es war nichts anderes da. Nur dieses Raumschiff!"
"Also gut, ich glaube dir. Aber glaubst du, daß es noch jemand tun wird?"
"Ich weiß nicht... was wird der Boß sagen?"
"Bist du wahnsinnig? Ray, mein Junge, der schmeißt dich raus, wenn er von der Geschichte hört!"
Ich ging nach Hause und fühlte mich, als würde mein Herz mit einer Zange zusammengepreßt und dachte, daß es vielleicht besser wäre, einen Arzt aufzusuchen.

Damals war ich Reporter bei einer Zeitung, von der jedermann dachte, daß sie nur sensationelle und ungemein wichtige Nachrichten druckte. Obwohl ich hier aufgewachsen war, erstickte mich diese Stadt und darum fuhr ich oft zu dem Berg, von dem ich fast das ganze Viertel überblicken konnte, ich dem Dan und ich wohnten. Ich kannte Dan seit unserer Kindheit sehr gut. Er war ein vertrauenswürdiger Mensch und er genoß deshalb mein volles Vertrauen. Nur damals, als ich ihm die merkwürdige Nachricht brachte, versuchte er alles zu tun, damit der Rest der Welt nichts über die geheimnisvolle fliegende Untertasse erfuhr.

Es war fast ein Jahr seit dem Vorfall vergangen. Ich war jeden Tag auf dem Berg gewesen, immer genau zur gleichen Zeit, aber es war mir nie wieder gelungen, das Raumschiff noch einmal zu sehen. Bis ich auf die Idee kam, mich genau an die gleiche Stelle zu setzen, an der ich damals gesessen war. Ich fuhr zum Berg. Ich erinnerte mich genau, daß ich ungefähr 2 m von einem Strauch gesessen hatte, weil es ein sehr heißer Tag war und ich im Schatten sitzen wollte. In meiner Eigenschaft als Zeitungsreporter hatte ich die Angewohnheit, mir möglichst viele Einzelheiten einzuprägen, wenn etwas ungewöhnliches in meiner Umgebung geschah. Ich versuchte es an drei Tagen und setzte mich genau so wie damals. Am vierten Tag hatte ich endlich Glück. Genau zu der bewußten Zeit erschien das Raumschiff und die reflektierten Sonnenstrahlen blendeten mich. Es schwebte genau fünf Minuten lang über Dans Haus und verschwand dann in dem makellosen Blau des Sommerhimmels. Am folgenden Tag kam ich wieder und es war wieder da.

Am nächsten Tag nahm ich meinen Revolver und um die Zeit, zu der das Raumschiff erscheinen mußte, fuhr ich zu Dan. Er war zu Hause. Ich kann mich eigentlich nicht erinnern, Dan jemals nicht zu Hause gefunden zu haben, wenn ich ihn besuchte. Er öffnete mir lächelnd die Tür.
"Ich habe auf dich gewartet", sagte er.
"Wieso hast du auf mich gewartet?" fragte ich überrascht.
"Du warst lange nicht mehr hier, Ray, mein Junge, und du weißt nur zu gut, daß ich nur selten von meinen Geräten loskomme. Heute ist ein guter Tag dafür."
Dan war Elektroniker, Kybernetikspezialist und verbrachte seine Freizeit damit, die merkwürdigsten Rechengeräte zu erfinden. Eine elektronische Uhr schlug mit wehmütigen Schlägen die volle Stunde. Dan ging zu dem großen Spiegel in seinem Schlafzimmer und begann, sich mit einem traurigen Lächeln darin zu betrachten.
"Was machst du da?" fragte ich ihn neugierig.
"Ich betrachte mich. Siehst du das nicht?" Seine Stimme klang kalt und beinahe metallisch.
"Was fällt dir ein, dich so zu betrachten? Du weißt doch, wie du aussiehst, oder?" Ich verstand ihn nicht. Ich sah das Bild im Spiegel an. Es hatte etwas Eigenartiges, aber ich hatte keine Ahnung, was es war. Dann wendete ich mich zu Dan um.
"Warst du schon immer ein so großer Fan deiner selbst?" fragte ich ihn ironisch. Er lächelte wieder und in dem Augenblick, fühlte ich, daß mich jemand ansah. Es war nicht Dan. Es war sein Bild im Spiegel. Und dann sah ich, daß mein Spiegelbild, welches neben dem von Dan hätte sein müssen, nicht da war.
"Dan, warum..."
Dans Spiegelbild sah mich an und zwei Blitze schossen aus seinen Augen und blendeten mich. Als sich meine Augen erholt hatten, saß Dan in einem Sessel in einem Winkel des Spiegels und beobachtete mich verwundert.
"Du betrachtest dein Gesicht im Spiegel, als hättest du es heute zum ersten Mal gesehen."
Ich wurde wütend.
"Dan, du verheimlichst mir was! Warum war ich vorhin nicht da, im Spiegel?"
"Was solltest du in dem Spiegel machen?"
"Du machst dich wieder über mich lustig!"
"Natürlich war dein Spiegelbild da. Ich habe es doch gesehen, mit eigenen Augen. Und jetzt ist es doch auch da." Er hatte recht, mein Spiegelbild war da.
"Ich habe es aber nicht gesehen. Wenn du mir nicht sagen willst, was hier vor sich geht, werde ich es selber herausfinden."
Ich drehte mich um und sah in den Spiegel. Mein Spiegelbild war dort und bevor ich den Spiegel mit der Faust zerschmetterte, sah ich, daß das Gesicht und die nackten Arme des Spiegelbildes fast metallisch glänzten. Der Spiegel zerbrach in tausend Stücke. Meine Faust war durch die Sperrholzplatte hinter dem Spiegel gedrungen und hart gegen die Wand geschlagen. An einigen Stellen blutete sie.
"Elender, was hast du getan?" Dan sprang wütend auf und kam auf mich zu. "Der Spiegel war aus Kristall! Wie konntest du nur!"
"Der Elende bist du! Hörst du? Nur du!" schrie ich ihn an. Ich fühlte mächtigen Haß und zugleich eine Hilflosigkeit, die mir die Kehle zuschnürte. Ich mußte mit ihm fertig werden!
Dan nahm seinen Revolver. Aber ich war schneller als er! Ich zielte auf seine Stirn.
"Dan, wenn du jetzt noch eine Bewegung machst, erschieße ich dich! Warum können wir keine Freunde bleiben?"
Dan lachte lärmend und ich sah die Mündung auf mich gerichtet. Er entsicherte den Revolver und ich wußte, daß er im nächsten Moment schießen würde. Aber er schoß nicht, weil ich ihm zuvorkam. Ich wußte, daß ich am nächsten Tag im Gefängnis sitzen würde, aber ich stand nur reglos da und sah seinen leblosen Körper zwischen den Spiegelscherben auf dem Boden liegen und fühlte keine Spur von Reue. Da hörte ich ein leises Rauschen über meinem Kopf. Dan stand auf und lächelte mir zu. Er nahm meine Hand und ich fühlte etwas metallisches in ihr. Ich sah hin und merkte, daß meine Hand glänzte, genau wie vorhin mein Spiegelbild. Dans Gesicht und Arme glänzten und ich fühlte, wie ein warmes, blaues Licht uns umhüllte. Dan verschwand fast lautlos, er löste sich langsam auf. Ich hörte das Rauschen noch einmal und dann war es still.

Am folgenden Morgen wachte ich auf dem Teppich in meinem Wohnzimmer auf. Zuerst dachte ich, ich träumte, aber ich hatte schreckliche Kopfschmerzen und nach und nach erinnerte ich mich an alles. Ich lief zum Fenster. Mein Wagen stand dort, wo ich ihn gewöhnlich parkte. Als ich die Schublade in meinem Schreibtisch aufzog, lag mein Revolver darin. Es fehlte keine einzige Patrone. Es war zum Verrücktwerden. Ich lief hinaus und sprang in den Wagen.

Vor Dans Haus hatten sich viele Leute versammelt. Ich fragte einen Polizisten, der neben dem Krankenwagen stand, was denn los sei.
"Dan Yoto hat Selbstmord begangen", sagte er. Dann kamen die beiden anderen Polizisten heraus. Sie trugen eine Trage, auf die man Dan gelegt hatte. Er war von einem weißen Tuch bedeckt. Eine Hand hing herunter. In dieser Hand hielt er einen Revolver, der genau so aussah, wie der meinige.
"Niemand kann ihm den Revolver aus der Hand nehmen", hörte ich den Polizisten neben mir sagen. "Sie wollten seine Finger nicht brechen..."

Ich ging und erzählte alles meinem Boß. Er lachte aus vollem Halse und sagte mir:
"Ray, mein Junge, warum fängst du nicht an, Science-fiction zu schreiben? Wir könnten dir eine Ecke reservieren..."
In der Zeitung war eine winzige Anzeige erschienen: "Der Kybernetiker Dan Yoto hat Selbstmord begangen." Und das war noch nicht einmal sensationell!

Ich warf die Tür zu und kam nach Hause. Hier habe ich angefangen, dies alles aufzuschreiben. Vielleicht glaubt mir ja irgendwann jemand. Vielleicht hören sie auch irgendwann auf, mich immer nur Ray, mein Junge nennen. Dan, der wahre Dan ist nämlich nicht tot. Er ist dort oben, bei den Sternen.