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Winterblume

von Margarete Schebesch

Das blaue Licht erlosch langsam in dem dunklen Raum und der alte Mann atmete auf. Er öffnete die Tür und stieg aus dem Transporter. Davor stand der Stuhl, den er beim letzten Besuch hingestellt hatte, um sicher zu sein, dass er nicht zu früh angekommen war. Er holte nacheinander die Blumentöpfe heraus und trug sie in den Ladenraum. Dann schloss er die Tür zu dem geheimen Zimmer, stellte das Regal davor und räumte die Töpfe hinein. Sie waren alle im gleichen Stadium, voll entwickelt, bereit zu blühen. Noch vier Tage, dann war es soweit. Jetzt galt es, möglichst schnell die Pfleger zu finden. Er ging vor die Haustür und holte die Zeitung herein. An den Schlagzeilen erkannte er, dass die Katastrophe bereits begonnen hatte. Er blätterte zu den Kleinanzeigen und suchte nach dem Inserat, welches er ebenfalls beim letzten Besuch geschaltet hatte. Es stand drin und war genau so, wie er es bestellt hatte: nicht zu auffällig, aber doch so groß, dass es nicht übersehen wurde. Dann füllte er die Gießkanne und holte die sauberen Lappen, die er bereitgelegt hatte, gab den Pflanzen Wasser und begann, ihre Blätter zu reinigen.

Der Nachrichtensprecher trug mit ruhiger Stimme die Meldungen vor. Der Feind wollte nicht einlenken und legte es auf eine kriegerische Auseinandersetzung an. Am Abend davor hatte der Präsident die Bevölkerung in einer Fernsehansprache aufgefordert, Ruhe zu bewahren und sich auf einen möglichen Krieg einzurichten. Frederic saß mit seiner Frau Amy am Frühstückstisch, las die Zeitung und hörte mit bangem Herzen dem Sprecher im Radio zu. Er selbst hatte keine Angst. Er fürchtete nichts, was sie ihm in diesem Krieg antun könnten. Er fürchtete nur das, was sie Amy und den Kindern antun würden, wenn sie kämen.

Als er nach dem Frühstück seinen Mantel anzog und seine Tasche nahm, kam Amy ihm im Morgenmantel in den Windfang nach, küsste ihn und sah ihm besorgt in die Augen. "Es wird alles gut werden." sagte er und umarmte sie. "Ich lasse nicht zu, dass euch etwas zustößt."

In der Straßenbahn saßen die Menschen bedrückt und still. Die Zeitungen in ihren Händen wiederholten mit großen Buchstaben die Schlagzeilen, welche Frederic schon beim Frühstück im Radio gehört hatte. Er schaute einer Frau über die Schulter und las einige Anzeigen in ihrer Zeitung mit. Als die Frau die Zeitung zusammenfaltete, um an den unteren Teil zu kommen, fiel Frederic eine kleine Anzeige auf: Es war ein Werbeinserat und der Slogan hieß: "Sie möchten Ihre Familie vor den Schrecken des Krieges beschützen? Kommen Sie zu uns. Wir haben schon vielen Familien geholfen, ein neues Leben anzufangen." Es klang interessant. Frederic prägte sich die Adresse des Ladens ein und beschloss, nach der Arbeit hinzufahren.

Das Taxi hielt in einer Vorstadtsiedlung, vor einem alten Haus mit einem Laden. Die Fassade war lange nicht mehr getüncht worden, von den Wänden blätterte die Farbe ab und die Fenster waren vergittert. Obwohl das Haus von außen unbewohnt erschien, war der Laden noch geöffnet. Frederic bat den Taxifahrer, zu warten und ging hinein. Der Verkaufsraum war mit allerlei Haushaltsgegenständen vollgestopft, aber zwischen Töpfen und Pfannen, Putzlappen und Besen stand in einer Ecke ein Regal mit Topfpflanzen. Sie waren nicht besonders schön, aber Frederic konnte sie keiner Art zuordnen, die er kannte. Ein kleiner, alter Mann kam auf ihn zu und fragte ihn mit freundlichem Lächeln nach seinen Wünschen.

"Ich habe Ihre Anzeige gesehen" sagte Frederic. "Können Sie mir mehr darüber erzählen?"
"Ah, Sie haben Familie" lächelte der alte Mann vielsagend. "Dann kommen Sie. Ich habe hier genau das Richtige für Sie!"
Er ging zu dem Regal mit den Topfpflanzen, nahm einer heraus und drückte sie Frederic in die Hand. "Es ist eine Winterblume." sagte er. "Sie blüht nur einmal, obwohl sie mehrere Knospen bildet. Aber sie hat eine besondere Fähigkeit: sie kann Gefahr spüren. Und wenn die Gefahr am größten ist, dann blüht sie."
"In der Anzeige stand, Sie können mir helfen, meine Familie zu beschützen." sagte Frederic. "Was soll ich mit der Pflanze?"
"Oh, sie wird Ihnen helfen." versicherte ihm der alte Mann. Sie werden die Gefahr erkennen, wenn sie blüht. Dann nehmen sie die Pflanze und Ihre Familie und kommen Sie wieder zu mir. Es wird Ihnen nichts geschehen."
"Was passiert dann mit uns?" fragte Frederic misstrauisch. Er konnte dem Vorschlag des alten Mannes nicht sehr viel abgewinnen.
"Sie müssen sie pflegen." sagte der alte Mann. "Sie braucht viel Wasser. Und sie müssen ihre Blätter reinigen, sonst funktioniert ihre Empfindung nicht richtig. Sie wird Ihrer Familie helfen."
Mehr war nicht aus ihm herauszukriegen. Frederic bezahlte die Pflanze und stieg wieder in sein Taxi. Er fuhr nach Hause und stellte sie vor das Küchenfenster. Sie hatte einige Knospen, die aber noch fest geschlossen waren. Amy erzählte er, es sei eine Pflanze aus seinem Büro, die er eine Zeitlang pflegen wolle, bis sie blühe. Er goss ein wenig Wasser in den Topf und nahm sich vor, die Blätter zu säubern, auch wenn er noch nicht verstand, wozu das gut sein sollte.

Am nächsten Morgen stand Frederic früher auf als sonst und säuberte die Blätter der Pflanze mit einem Tuch. Ein feiner Staub hatte sich auf den Blättern abgelagert. Die Erde war trocken und so goss er wieder etwas Wasser dazu. Der Sprecher im Radio sagte, es könne sich nur noch um einige Tage handeln, bis der Krieg entgültig ausbreche. Die Meldungen in den Zeitungen unterschieden sich kaum von denen im Radio und Frederic schaute manchmal von seinem Frühstück zu der Pflanze hinüber und schüttelte den Kopf. Er hatte sich mehr von der Anzeige versprochen und traute der Pflanze nicht.

Auf dem Weg zur Straßenbahn bemerkte er die ersten Kriegsvorbereitungen. Die Nachbarn schütteten ihre Kellerfenster zu und brachten Vorräte hinunter. Er beschloss, am Nachmittag auch damit zu beginnen. Er wollte im Keller einen sicheren Bunker bauen und Amy und die Kinder würden nichts mehr zu befürchten haben.

Als er am Abend nach Hause kam, reinigte er die Blätter der Pflanze und gab ihr noch ein wenig Wasser. Amy schaute kopfschüttelnd zu und machte ihm sein Abendessen. Sie hatte die Kinder schon zu ihrer Mutter gebracht, damit sie sich nicht ängstigten, wenn sie mit Frederic gleich den Keller befestigte und Kleidung und Vorräte bereitlegte.

Die Vorbereitungen in der Stadt gingen weiter. Die Menschen machten Hamsterkäufe und hatten Angst. Die Schulen wurden geschlossen und der Chef sagte Frederic, dass er am nächsten Morgen nicht mehr kommen solle, weil der erste Angriff bevorstehe. Er solle zu Hause bleiben und seine Familie beschützen. Frederic fuhr nach Hause und brachte mit Amy die letzten Lebensmittel in den Keller. Er wusch die Blätter der Pflanze, gab ihr Wasser und brachte sie ebenfalls in den Keller. Zusammen mit Amy holte er die Schwiegermutter und die Kinder und führte sie in den Keller. Er hatte auch das Radio und einen Vorrat Batterien bereitgestellt.

In dieser Nacht schliefen sie im Keller. Es war alles ruhig. Da der Keller unter der Erde lag, hörte Frederic noch weniger als die normalen Nachtgeräusche, die er kannte. Er konnte lange nicht einschlafen, stand deshalb auf und pflegte die Pflanze. Die Erde war wieder trocken und er schüttete noch etwas Wasser dazu. Als er sich wieder hinlegen wollte, bemerkte er, dass eine Knospe der Pflanze sich leicht vergrößert hatte. Durch einen winzigen Spalt zwischen den geschlossenen Blättern konnte er ein dunkelblaues Blütenblatt erkennen, mit einem dünnen gelben Qerstreifen. Erschrocken holte er das Radio, stieg wieder ins Bett und legte die kleinen Kopfhörer an. Der Reporter war irgendwo draußen, an der Front, wie er sagte. Er schilderte, wie die feindlichen Soldaten einmarschierten, um den Konflikt mit Waffengewalt zu lösen. Dem Bericht folgte eine Aufzeichnung der Ansprache des Präsidenten von vor einigen Tagen, in dem er die Bevölkerung aufforderte, Ruhe zu bewahren.

Der Reporter berichtete weiter, wie die Soldaten einrückten, aber auf verlassene Städte trafen. Sie zerstörten alle wichtigen Gebäude und rückten in Richtung der Hauptstadt vor. Die Verteidigungstruppen waren weiter im Landesinneren aufgestellt, um sie zu empfangen. Frederic dachte darüber nach fragte sich, wieso die Verteidigungstruppen nicht verhinderten, dass der Feind überhaupt einrückte? War das die neue, moderne Art, Krieg zu führen? Psychologische Kriegsführung, wie sie es nannten? Und warum war die Stadt noch nicht evakuiert worden? Die Grenzen waren weit weg, aber jene Städte waren offenbar schon verlassen worden.

Jetzt konnte Frederic erst recht nicht mehr schlafen und stand auf, um nach der Pflanze zu sehen. Die Knospe hatte sich noch weiter geöffnet. Deutlich waren jetzt dunkelblaue Blütenblätter mit dünnen gelben Streifen zu erkennen, die dabei waren, sich langsam zu entfalten. Er weckte Amy, zeigte ihr die Pflanze und erzählte ihr von dem alten Mann in dem Laden und dem Radiobericht. Mit der Pflanze konnte sie nichts anfangen und glaubte nicht daran, dass sie etwas mit der Gefahr zu tun habe. Dem Bericht des Reporters im Radio glaubte sie aber.

"Wir werden zu dem Laden fahren." sagte Frederic. "Wir werden sehen, was uns da erwartet. Wenn der alte Mann mir ein Märchen erzählt hat, fahren wir weiter, hinauf in die Berge. Die Verteidigungstruppen werden den Feind aufhalten, er wird nicht bis dorthin vordringen."

Amy weckte ihre Mutter und die Kinder und Frederic ging hinaus, um den Wagen vorzubereiten. Er trug die bereits gepackten Koffer hinaus, nahm die Kisten mit Vorräten und verstaute alles im Gepäckraum. Dann holte der die Pflanze und klemmte den Topf zwischen den Lebensmitteln fest, damit er nicht umkippen konnte. Die Blüte hatte sich fast vollständig geöffnet. Die Blütenblätter waren noch zart und leicht knittrig. Er goss noch ein wenig Wasser nach und reinigte eilig die Blätter, auf die sich wieder die dünne Staubschicht gelegt hatte. Er ging zurück in den Keller und trieb Amy und die Kinder an, sich zu beeilen. Seine Schwiegermutter war schon fertig angezogen und half Amy mit den Kindern. Sie war ruhig und zeigte keine Angst. Sie tat Frederic leid, denn sie hatte dies alles schon einmal durchgestanden. Er hätte es ihr gerne erspart.

Als die Kinder fertig waren, fuhren sie alle in die Vorstadtsiedlung zu dem Haushaltswarenladen. Frederic war in den vergangenen Tagen einige Male mit dem Taxi hingefahren und hatte sich den Weg eingeprägt. Es war vier Uhr morgens und der Laden war das einzige beleuchtete Haus in der Straße. Davor standen viele Wagen, kreuz und quer geparkt, aber es war niemand zu sehen. Sie stiegen alle aus und Frederic führte sie hinein. Der alte Mann kam ihnen entgegen und rief erleichtert: "Endlich sind Sie da! Wieso haben Sie so lange gebraucht?" Er nahm die Kinder an den Händen und führte sie hinein, damit Frederik mit Amy und ihrer Mutter die Koffer und Kisten mitbringen konnten. "Haben Sie die Pflanze mitgebracht?" Frederik zeigte ihm den festgeklemmten Topf in der Kiste. Die Blüte war vollständig entfaltet und die Blütenblätter waren glatt und fest, dunkelblau mit zwei klaren, dünnen, gelben Querstreifen. Als sie hineinkamen begann der alte Mann sofort, das Regal, wo vorher die Topfpflanzen gestanden hatten, zur Seite zu schieben. Dahinter verbarg sich eine Tür und der alte Mann öffnete sie. Als er das Licht einschaltete, sahen sie in der Mitte des Raumes ein zylinderförmiges, metallisches Gebilde, so groß wie eine geräumige Telefonzelle, mit einer Öffnung an einer Seite.

"Ich verstehe nicht." sagte Frederic. "Was ist das für ein Ding?"
"Es wird Sie retten." sagte der alte Mann. "Sehen Sie, die Blume ist vollständig aufgeblüht, jetzt ist genau die richtige Zeit. Sie müssen jetzt gehen, bevor es zu spät ist!"
"Wo sind denn die anderen Pflanzen?"
"Sie sind alle schon abgereist. Familienväter wie Sie wurden ausgewählt um die Pflanzen zu pflegen bis sie blühen, damit sie ihren Zweck erfüllen können, ihnen bei der Reise zu helfen. Sie alle wollten Ihre Familie beschützen und pflegten die Pflanze, obwohl Ihnen diese Methode etwas seltsam erschien..."
"Was meinen Sie damit? Erklären Sie mir, was es mit dieser... Maschine auf sich hat! Und wohin sollen wir reisen?"

Der alte Mann seufzte tief. Zum letzten Mal erklärte er seinen Plan, wie er die Menschheit retten wollte. "Dieser Krieg ist der letzte auf der Erde," sagte er. "Die Verteidigungstruppen werden versagen und der Krieg wird sich weiter ausbreiten und die Erde zerstören. Die Menschheit hat nur dann eine Chance, wenn Sie die Erde zusammen mit den anderen Familien wieder besiedeln."
"Aber wie sollen wir das tun?" fragte Frederik. Langsam schlich sich ein unglaublicher Gedanke in sein Bewusstsein.
"Die Pflanze ist eine Zeitmaschine," sagte der alte Mann. "Sie hat in den letzten Tagen so viel Energie gespeichert, dass Sie damit in diesem Fahrzeug in die Zukunft reisen können. Sie müssen nur weit genug in die Zukunft reisen, in eine Zeit, in der die radioaktive Verseuchung der Erde zerfallen ist. Aber Sie müssen gehen, solange sie noch blüht. Wenn sie vorher verwelkt, gibt sie die Energie wieder ab und das käme wiederum einem Atomschlag gleich. Sie brauchen die Energie, um zu reisen!"

Frederic starrte den Mann mit großen Augen an. "Wer sind Sie?" fragte er ihn.
"Einige Menschen haben überlebt," sagte der alte Mann. Aber sie wurden krank und konnten sich nur schwer fortpflanzen. Sie forschten nach einer Möglichkeit, die Strahlung unschädlich zu machen und fanden diese Pflanzen. Sie nannten sie "Winterblumen", weil sie den atomaren Winter überlebten und die Strahlung zum Leben benutzten. Sie haben die Pflanzen weiterentwickelt, bis sie sich von jeglicher Art von Energie ernähren konnten. Und nun gehen Sie! Nehmen Sie die Pflanze und gehen Sie in den Transporter. Sie müssen sich alle zusammen hineindrängen. Die Reise dauert nur einen Augenblick, aber sie wird Ihre Familie in die Zukunft bringen, wo Sie alle vor dem Krieg sicher sind.

Frederic nahm die Kinder an die Hand und schob seine Frau und seine Schwiegermutter in den Zylinder. Hinter ihnen schloss sich die Öffnung und es wurde dunkel in dem Raum. Dann fing die Blüte langsam an zu glühen und ein blaues, metallisches Licht breitete sich in dem Zylinder aus, als ihre Reise durch die Zeit begann.

(März 2003)