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Science Fiction

Die Weisse Perle des Frühlings

von Margarete Schebesch 

Als das Raumschiff am wolkenlosen Frühlingshimmel auftauchte, war der Schnee gerade geschmolzen und die Bauern begannen, ihre Felder zu pflügen. Die Vögel waren aus wärmeren Gefilden zurückgekehrt und bauten ihre Nester in den kahlen Bäumen. Die Natur erwachte.

Die Vögel waren auch die ersten, die das Raumschiff am Himmel bemerkten. Dieses riesige, weiße, kugelförmige Ding, das sich da einfach in ihr Revier drängte, war ihnen nicht geheuer. Sie umkreisten es zunächst verwirrt und neugierig, aber dann sahen sie, dass keine Gefahr von dem Gebilde ausging, und beruhigten sich.

Weil das Raumschiff so nah über der Erde schwebte, war es in dem hügeligen Gelände nicht sehr weit zu sehen. Die Menschen in dem kleinen Dorf aber sahen es -- und wunderten sich sehr. Sie überlegten, ob sie jemanden verständigen sollten, jemanden von der Raumfahrtbehörde oder von der Regierung vielleicht. Aber dann beschlossen sie, dass es ihr Raumschiff sei, weil es über ihrem Dorf erschienen war, und dass es niemanden sonst etwas angehe. Die weiße Kugel jedoch hing still am Himmel und tat gar nichts. Zumindest nichts, was die Menschen im Dorf beobachten konnten.

Im Inneren aber ging es sehr geschäftig zu: man lief hin und her, Messinstrumente wurden justiert, Daten wurden aufgerufen und gespeichert und alle waren aufgeregt. Der Direktor war ungeduldig und die Mitglieder der Teams arbeiteten gehetzt. Da das Unglück mit dem defekten Reflexionsschild nun mal passiert war, musste der Schaden schnellstmöglich eingegrenzt werden. Es hatte keinen Sinn mehr, das Schiff zu entfernen, weil die Dorfbewohner es bereits gesehen hatten. Man konnte sie vielleicht alle in Tiefschlaf versetzen und ihnen die Erinnerung an das Raumschiff nehmen, aber da war diese wunderbare Möglichkeit, die Reaktionen der Bewohner zu erforschen, und die wollte sich der Direktor nicht entgehen lassen.

So saß er nun zusammen mit den Teamleitern im Konferenzraum und erörterte mit ihnen die Maßnahmen, die es als nächstes zu treffen galt.
"Was haben wir bis jetzt?" fragte der Direktor in die Runde.
"Nun ja," sagte einer der Teamleiter, "die Vögel haben sich beruhigt und die Menschen haben immer noch niemanden angerufen. Wahrscheinlich würde ihnen sowieso niemand glauben, aber wenn jemand von dem Dorf erfährt, könnte das Projekt dadurch gefährdet werden."
"Und was schlagen Sie vor?" fragte der Direktor weiter.
Der nächste Teamleiter wurde verlegen. "Hm, wir könnten jemanden hinunter schicken, der mit den Menschen spricht und sie beruhigt."
"Das ist zu gefährlich," sagte der Direktor. "Wenn sie dann doch jemanden anrufen, wird es Nachforschungen geben. Wie sehen die letzten Daten aus?"
"Wir haben noch keine Zusammenfassung," kam die Antwort. "Wir arbeiten noch daran".
"Dann treffen wir uns am Nachmittag wieder" sagte der Direktor und erhob sich. Es war eine peinliche Angelegenheit für ihn. Nicht nur, dass er die Existenz dieses Dorfes erklären müsste, wenn jemand von der Regierung davon erfuhr. Sie würden es ihm auf der Stelle wegnehmen und das ganze Projekt würde dadurch gefährdet, der Teamleiter hatte recht. Vor allem die Gegner der Naturbewegung würden alles daran setzen, das Projekt sofort auf Eis zu legen. Aber so weit würde es nicht kommen, entschied er. Eher würde er doch die Tiefschlaflösung anwenden, gleich am Nachmittag, wenn er sich wieder mit den Teamleitern traf.

Als es soweit war, hatte er alles vorbereitet. Er hörte sich die Berichte an, die allesamt, wie er erwartet hatte, nicht besonders interessant waren. Die Dorfbewohner kümmerten sich nicht weiter um das Raumschiff, sondern gingen wieder ihrer Arbeit nach.

Als der Direktor alle Teamleiter gehört hatte, drückte er den Knopf unter seinem Tisch und sie fielen alle zusammen in tiefen Schlaf. Bis sie erwachten, würde er das Raumschiff wieder in die Umlaufbahn gesteuert haben und sie könnten von vorne anfangen. Seine Leute würden sich an nichts erinnern.

Im Dorf erinnerte man sich noch einige Zeit an die seltsame Erscheinung. Weil sie aber so friedlich war und genau so geräuschlos verschwand, wie sie aufgetaucht war, hatten die Menschen sie doch irgendwann vergessen. Nur in den Märchen und Legenden der Großmütter rankten sich geheimnisvolle Geschehnisse um eine große Kugel am Himmel, welche sie "die weiße Perle des Frühlings" nannten.

Winterblume

von Margarete Schebesch

Das blaue Licht erlosch langsam in dem dunklen Raum und der alte Mann atmete auf. Er öffnete die Tür und stieg aus dem Transporter. Davor stand der Stuhl, den er beim letzten Besuch hingestellt hatte, um sicher zu sein, dass er nicht zu früh angekommen war. Er holte nacheinander die Blumentöpfe heraus und trug sie in den Ladenraum. Dann schloss er die Tür zu dem geheimen Zimmer, stellte das Regal davor und räumte die Töpfe hinein. Sie waren alle im gleichen Stadium, voll entwickelt, bereit zu blühen. Noch vier Tage, dann war es soweit. Jetzt galt es, möglichst schnell die Pfleger zu finden. Er ging vor die Haustür und holte die Zeitung herein. An den Schlagzeilen erkannte er, dass die Katastrophe bereits begonnen hatte. Er blätterte zu den Kleinanzeigen und suchte nach dem Inserat, welches er ebenfalls beim letzten Besuch geschaltet hatte. Es stand drin und war genau so, wie er es bestellt hatte: nicht zu auffällig, aber doch so groß, dass es nicht übersehen wurde. Dann füllte er die Gießkanne und holte die sauberen Lappen, die er bereitgelegt hatte, gab den Pflanzen Wasser und begann, ihre Blätter zu reinigen.

Der Nachrichtensprecher trug mit ruhiger Stimme die Meldungen vor. Der Feind wollte nicht einlenken und legte es auf eine kriegerische Auseinandersetzung an. Am Abend davor hatte der Präsident die Bevölkerung in einer Fernsehansprache aufgefordert, Ruhe zu bewahren und sich auf einen möglichen Krieg einzurichten. Frederic saß mit seiner Frau Amy am Frühstückstisch, las die Zeitung und hörte mit bangem Herzen dem Sprecher im Radio zu. Er selbst hatte keine Angst. Er fürchtete nichts, was sie ihm in diesem Krieg antun könnten. Er fürchtete nur das, was sie Amy und den Kindern antun würden, wenn sie kämen.

Als er nach dem Frühstück seinen Mantel anzog und seine Tasche nahm, kam Amy ihm im Morgenmantel in den Windfang nach, küsste ihn und sah ihm besorgt in die Augen. "Es wird alles gut werden." sagte er und umarmte sie. "Ich lasse nicht zu, dass euch etwas zustößt."

In der Straßenbahn saßen die Menschen bedrückt und still. Die Zeitungen in ihren Händen wiederholten mit großen Buchstaben die Schlagzeilen, welche Frederic schon beim Frühstück im Radio gehört hatte. Er schaute einer Frau über die Schulter und las einige Anzeigen in ihrer Zeitung mit. Als die Frau die Zeitung zusammenfaltete, um an den unteren Teil zu kommen, fiel Frederic eine kleine Anzeige auf: Es war ein Werbeinserat und der Slogan hieß: "Sie möchten Ihre Familie vor den Schrecken des Krieges beschützen? Kommen Sie zu uns. Wir haben schon vielen Familien geholfen, ein neues Leben anzufangen." Es klang interessant. Frederic prägte sich die Adresse des Ladens ein und beschloss, nach der Arbeit hinzufahren.

Das Taxi hielt in einer Vorstadtsiedlung, vor einem alten Haus mit einem Laden. Die Fassade war lange nicht mehr getüncht worden, von den Wänden blätterte die Farbe ab und die Fenster waren vergittert. Obwohl das Haus von außen unbewohnt erschien, war der Laden noch geöffnet. Frederic bat den Taxifahrer, zu warten und ging hinein. Der Verkaufsraum war mit allerlei Haushaltsgegenständen vollgestopft, aber zwischen Töpfen und Pfannen, Putzlappen und Besen stand in einer Ecke ein Regal mit Topfpflanzen. Sie waren nicht besonders schön, aber Frederic konnte sie keiner Art zuordnen, die er kannte. Ein kleiner, alter Mann kam auf ihn zu und fragte ihn mit freundlichem Lächeln nach seinen Wünschen.

"Ich habe Ihre Anzeige gesehen" sagte Frederic. "Können Sie mir mehr darüber erzählen?"
"Ah, Sie haben Familie" lächelte der alte Mann vielsagend. "Dann kommen Sie. Ich habe hier genau das Richtige für Sie!"
Er ging zu dem Regal mit den Topfpflanzen, nahm einer heraus und drückte sie Frederic in die Hand. "Es ist eine Winterblume." sagte er. "Sie blüht nur einmal, obwohl sie mehrere Knospen bildet. Aber sie hat eine besondere Fähigkeit: sie kann Gefahr spüren. Und wenn die Gefahr am größten ist, dann blüht sie."
"In der Anzeige stand, Sie können mir helfen, meine Familie zu beschützen." sagte Frederic. "Was soll ich mit der Pflanze?"
"Oh, sie wird Ihnen helfen." versicherte ihm der alte Mann. Sie werden die Gefahr erkennen, wenn sie blüht. Dann nehmen sie die Pflanze und Ihre Familie und kommen Sie wieder zu mir. Es wird Ihnen nichts geschehen."
"Was passiert dann mit uns?" fragte Frederic misstrauisch. Er konnte dem Vorschlag des alten Mannes nicht sehr viel abgewinnen.
"Sie müssen sie pflegen." sagte der alte Mann. "Sie braucht viel Wasser. Und sie müssen ihre Blätter reinigen, sonst funktioniert ihre Empfindung nicht richtig. Sie wird Ihrer Familie helfen."
Mehr war nicht aus ihm herauszukriegen. Frederic bezahlte die Pflanze und stieg wieder in sein Taxi. Er fuhr nach Hause und stellte sie vor das Küchenfenster. Sie hatte einige Knospen, die aber noch fest geschlossen waren. Amy erzählte er, es sei eine Pflanze aus seinem Büro, die er eine Zeitlang pflegen wolle, bis sie blühe. Er goss ein wenig Wasser in den Topf und nahm sich vor, die Blätter zu säubern, auch wenn er noch nicht verstand, wozu das gut sein sollte.

Am nächsten Morgen stand Frederic früher auf als sonst und säuberte die Blätter der Pflanze mit einem Tuch. Ein feiner Staub hatte sich auf den Blättern abgelagert. Die Erde war trocken und so goss er wieder etwas Wasser dazu. Der Sprecher im Radio sagte, es könne sich nur noch um einige Tage handeln, bis der Krieg entgültig ausbreche. Die Meldungen in den Zeitungen unterschieden sich kaum von denen im Radio und Frederic schaute manchmal von seinem Frühstück zu der Pflanze hinüber und schüttelte den Kopf. Er hatte sich mehr von der Anzeige versprochen und traute der Pflanze nicht.

Auf dem Weg zur Straßenbahn bemerkte er die ersten Kriegsvorbereitungen. Die Nachbarn schütteten ihre Kellerfenster zu und brachten Vorräte hinunter. Er beschloss, am Nachmittag auch damit zu beginnen. Er wollte im Keller einen sicheren Bunker bauen und Amy und die Kinder würden nichts mehr zu befürchten haben.

Als er am Abend nach Hause kam, reinigte er die Blätter der Pflanze und gab ihr noch ein wenig Wasser. Amy schaute kopfschüttelnd zu und machte ihm sein Abendessen. Sie hatte die Kinder schon zu ihrer Mutter gebracht, damit sie sich nicht ängstigten, wenn sie mit Frederic gleich den Keller befestigte und Kleidung und Vorräte bereitlegte.

Die Vorbereitungen in der Stadt gingen weiter. Die Menschen machten Hamsterkäufe und hatten Angst. Die Schulen wurden geschlossen und der Chef sagte Frederic, dass er am nächsten Morgen nicht mehr kommen solle, weil der erste Angriff bevorstehe. Er solle zu Hause bleiben und seine Familie beschützen. Frederic fuhr nach Hause und brachte mit Amy die letzten Lebensmittel in den Keller. Er wusch die Blätter der Pflanze, gab ihr Wasser und brachte sie ebenfalls in den Keller. Zusammen mit Amy holte er die Schwiegermutter und die Kinder und führte sie in den Keller. Er hatte auch das Radio und einen Vorrat Batterien bereitgestellt.

In dieser Nacht schliefen sie im Keller. Es war alles ruhig. Da der Keller unter der Erde lag, hörte Frederic noch weniger als die normalen Nachtgeräusche, die er kannte. Er konnte lange nicht einschlafen, stand deshalb auf und pflegte die Pflanze. Die Erde war wieder trocken und er schüttete noch etwas Wasser dazu. Als er sich wieder hinlegen wollte, bemerkte er, dass eine Knospe der Pflanze sich leicht vergrößert hatte. Durch einen winzigen Spalt zwischen den geschlossenen Blättern konnte er ein dunkelblaues Blütenblatt erkennen, mit einem dünnen gelben Qerstreifen. Erschrocken holte er das Radio, stieg wieder ins Bett und legte die kleinen Kopfhörer an. Der Reporter war irgendwo draußen, an der Front, wie er sagte. Er schilderte, wie die feindlichen Soldaten einmarschierten, um den Konflikt mit Waffengewalt zu lösen. Dem Bericht folgte eine Aufzeichnung der Ansprache des Präsidenten von vor einigen Tagen, in dem er die Bevölkerung aufforderte, Ruhe zu bewahren.

Der Reporter berichtete weiter, wie die Soldaten einrückten, aber auf verlassene Städte trafen. Sie zerstörten alle wichtigen Gebäude und rückten in Richtung der Hauptstadt vor. Die Verteidigungstruppen waren weiter im Landesinneren aufgestellt, um sie zu empfangen. Frederic dachte darüber nach fragte sich, wieso die Verteidigungstruppen nicht verhinderten, dass der Feind überhaupt einrückte? War das die neue, moderne Art, Krieg zu führen? Psychologische Kriegsführung, wie sie es nannten? Und warum war die Stadt noch nicht evakuiert worden? Die Grenzen waren weit weg, aber jene Städte waren offenbar schon verlassen worden.

Jetzt konnte Frederic erst recht nicht mehr schlafen und stand auf, um nach der Pflanze zu sehen. Die Knospe hatte sich noch weiter geöffnet. Deutlich waren jetzt dunkelblaue Blütenblätter mit dünnen gelben Streifen zu erkennen, die dabei waren, sich langsam zu entfalten. Er weckte Amy, zeigte ihr die Pflanze und erzählte ihr von dem alten Mann in dem Laden und dem Radiobericht. Mit der Pflanze konnte sie nichts anfangen und glaubte nicht daran, dass sie etwas mit der Gefahr zu tun habe. Dem Bericht des Reporters im Radio glaubte sie aber.

"Wir werden zu dem Laden fahren." sagte Frederic. "Wir werden sehen, was uns da erwartet. Wenn der alte Mann mir ein Märchen erzählt hat, fahren wir weiter, hinauf in die Berge. Die Verteidigungstruppen werden den Feind aufhalten, er wird nicht bis dorthin vordringen."

Amy weckte ihre Mutter und die Kinder und Frederic ging hinaus, um den Wagen vorzubereiten. Er trug die bereits gepackten Koffer hinaus, nahm die Kisten mit Vorräten und verstaute alles im Gepäckraum. Dann holte der die Pflanze und klemmte den Topf zwischen den Lebensmitteln fest, damit er nicht umkippen konnte. Die Blüte hatte sich fast vollständig geöffnet. Die Blütenblätter waren noch zart und leicht knittrig. Er goss noch ein wenig Wasser nach und reinigte eilig die Blätter, auf die sich wieder die dünne Staubschicht gelegt hatte. Er ging zurück in den Keller und trieb Amy und die Kinder an, sich zu beeilen. Seine Schwiegermutter war schon fertig angezogen und half Amy mit den Kindern. Sie war ruhig und zeigte keine Angst. Sie tat Frederic leid, denn sie hatte dies alles schon einmal durchgestanden. Er hätte es ihr gerne erspart.

Als die Kinder fertig waren, fuhren sie alle in die Vorstadtsiedlung zu dem Haushaltswarenladen. Frederic war in den vergangenen Tagen einige Male mit dem Taxi hingefahren und hatte sich den Weg eingeprägt. Es war vier Uhr morgens und der Laden war das einzige beleuchtete Haus in der Straße. Davor standen viele Wagen, kreuz und quer geparkt, aber es war niemand zu sehen. Sie stiegen alle aus und Frederic führte sie hinein. Der alte Mann kam ihnen entgegen und rief erleichtert: "Endlich sind Sie da! Wieso haben Sie so lange gebraucht?" Er nahm die Kinder an den Händen und führte sie hinein, damit Frederik mit Amy und ihrer Mutter die Koffer und Kisten mitbringen konnten. "Haben Sie die Pflanze mitgebracht?" Frederik zeigte ihm den festgeklemmten Topf in der Kiste. Die Blüte war vollständig entfaltet und die Blütenblätter waren glatt und fest, dunkelblau mit zwei klaren, dünnen, gelben Querstreifen. Als sie hineinkamen begann der alte Mann sofort, das Regal, wo vorher die Topfpflanzen gestanden hatten, zur Seite zu schieben. Dahinter verbarg sich eine Tür und der alte Mann öffnete sie. Als er das Licht einschaltete, sahen sie in der Mitte des Raumes ein zylinderförmiges, metallisches Gebilde, so groß wie eine geräumige Telefonzelle, mit einer Öffnung an einer Seite.

"Ich verstehe nicht." sagte Frederic. "Was ist das für ein Ding?"
"Es wird Sie retten." sagte der alte Mann. "Sehen Sie, die Blume ist vollständig aufgeblüht, jetzt ist genau die richtige Zeit. Sie müssen jetzt gehen, bevor es zu spät ist!"
"Wo sind denn die anderen Pflanzen?"
"Sie sind alle schon abgereist. Familienväter wie Sie wurden ausgewählt um die Pflanzen zu pflegen bis sie blühen, damit sie ihren Zweck erfüllen können, ihnen bei der Reise zu helfen. Sie alle wollten Ihre Familie beschützen und pflegten die Pflanze, obwohl Ihnen diese Methode etwas seltsam erschien..."
"Was meinen Sie damit? Erklären Sie mir, was es mit dieser... Maschine auf sich hat! Und wohin sollen wir reisen?"

Der alte Mann seufzte tief. Zum letzten Mal erklärte er seinen Plan, wie er die Menschheit retten wollte. "Dieser Krieg ist der letzte auf der Erde," sagte er. "Die Verteidigungstruppen werden versagen und der Krieg wird sich weiter ausbreiten und die Erde zerstören. Die Menschheit hat nur dann eine Chance, wenn Sie die Erde zusammen mit den anderen Familien wieder besiedeln."
"Aber wie sollen wir das tun?" fragte Frederik. Langsam schlich sich ein unglaublicher Gedanke in sein Bewusstsein.
"Die Pflanze ist eine Zeitmaschine," sagte der alte Mann. "Sie hat in den letzten Tagen so viel Energie gespeichert, dass Sie damit in diesem Fahrzeug in die Zukunft reisen können. Sie müssen nur weit genug in die Zukunft reisen, in eine Zeit, in der die radioaktive Verseuchung der Erde zerfallen ist. Aber Sie müssen gehen, solange sie noch blüht. Wenn sie vorher verwelkt, gibt sie die Energie wieder ab und das käme wiederum einem Atomschlag gleich. Sie brauchen die Energie, um zu reisen!"

Frederic starrte den Mann mit großen Augen an. "Wer sind Sie?" fragte er ihn.
"Einige Menschen haben überlebt," sagte der alte Mann. Aber sie wurden krank und konnten sich nur schwer fortpflanzen. Sie forschten nach einer Möglichkeit, die Strahlung unschädlich zu machen und fanden diese Pflanzen. Sie nannten sie "Winterblumen", weil sie den atomaren Winter überlebten und die Strahlung zum Leben benutzten. Sie haben die Pflanzen weiterentwickelt, bis sie sich von jeglicher Art von Energie ernähren konnten. Und nun gehen Sie! Nehmen Sie die Pflanze und gehen Sie in den Transporter. Sie müssen sich alle zusammen hineindrängen. Die Reise dauert nur einen Augenblick, aber sie wird Ihre Familie in die Zukunft bringen, wo Sie alle vor dem Krieg sicher sind.

Frederic nahm die Kinder an die Hand und schob seine Frau und seine Schwiegermutter in den Zylinder. Hinter ihnen schloss sich die Öffnung und es wurde dunkel in dem Raum. Dann fing die Blüte langsam an zu glühen und ein blaues, metallisches Licht breitete sich in dem Zylinder aus, als ihre Reise durch die Zeit begann.

(März 2003)

Prüfung 

von Margarete Schebesch

Und endlich ist es soweit. Wir stehen alle in einer Reihe vor unseren Raumjägern, jeder mit seiner frisch gewaschenen und gebügelten Uniform an, und alle haben wir weiche Knie. Denn heute ist unser letzter Flug in dieser Uniform. Heute ist der Prüfungsflug!

Keiner von uns weiß, was ihn erwartet. Wir wissen nur, daß es anders sein wird als alles, was wir bisher auf der Akademie gelernt haben. Als das Signal ertönt springen wir alle in unsere Sitze, klappen das Verdeck herunter und warten auf die Freigabe.

"Sie werden sich heute auf eine Reise begeben" höre ich Benson in meinem Helm sagen. "Wenn Sie wieder zurück sind, haben Sie die Prüfung bestanden." Ich fliege los, hinaus in den Weltraum. Dann lasse ich mich treiben und warte, daß etwas passiert. Da wird mein Jäger von einem Kraftfeld erfaßt und zurück zum Basisschiff getrieben. Wie eine Kugel aus Silber liegt es vor mir und wartet auf mich. Sollte es das schon gewesen sein?

Als ich mich gerade in meinem Sessel zurücklehnen will, fühle ich, wie etwas Kaltes um mein linkes Bein fließt. Ich schaue nach, ob es vielleicht ein Loch im Anzug ist. Vakuum und kosmische Kälte herrschen in meinem Jäger, aber da ist kein Loch. Es ist in meinem Anzug! Wie eine Schlange windet es sich an meinem Körper entlang nach oben. Ich gerate in Panik und will mir den Anzug vom Leib reißen, als ich auf der Konsole eine Fliege bemerke, die seelenruhig darüber kriecht und sich nicht um das Vakuum kümmert. Sie müßte eigentlich platzen oder gefrieren oder sonst was in der Richtung, aber sie kriecht!

Habe ich also Luft im Jäger, kann ich atmen? Kann ich den Anzug ausziehen und die Schlange entfernen? Wie lange kann ich überleben, nachdem sie mich gebissen hat, schaffe ich es zurück zur Basis? Was ist mit dem Traktorstrahl? Da merke ich, daß der Traktorstrahl nicht mehr wirkt, aber der Jäger jagt durch die Trägheit auf das Basisschiff zu. Ich muß ihn anhalten, wenn ich nicht an der Außenwand explodieren will!

Mit zitternden Fingern umklammere ich das Steuer und bringe den Jäger zum Stillstand, dann fliege ich ihn langsam wieder hinein, durch die Luke in den Hangar. Ich lande und schiebe das Verdeck hoch. Die Fliege ist verschwunden und mit einem lauten Zischen füllt die Kabine sich mit Luft. Ich reiße den Helm herunter und den Anzug auf und finde kalten Schweiß an der Innenhaut. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Benson läßt uns den Abschiedstrunk nicht ohne Grund vor der Prüfung trinken. Haluzinogene Substanzen sind zwar ausdrücklich verboten auf der Akademie, aber als Jäger kann es jedem passieren, daß man irgendwann damit in Kontakt kommt...

Der Brief 

von Margarete Schebesch

"Sehr geehrte Frau Doktor, es ist einige Zeit vergangen, seit jenem Morgen im Juni, an dem Sie mit geschickten Händen meinen verstauchten Fuß eingegipst haben."

So begann der Schlingel seinen Brief. Ein Dreikäsehoch war er gewesen, frech und aufmüpfig, ein Tunichtgut wie er im Buche steht. Ich konnte mich genau an seine verheulten Augen und die Sommersprossen erinnern, an das Lächeln als alles vorbei war. Neugierig las ich weiter.

"Einiges ist seither passiert, aber heute brauche ich wieder Ihre Hilfe. Ich weiß, daß Sie inzwischen in diesem Krankenhaus für außerirdische Krankheiten arbeiten und viel über diese Krankheiten wissen. Ich habe einen Freund, der an einer unbekannten Krankeheit leidet. Er hat sie von einem Ausflug auf die Venus mitgebracht und konnte nicht geheilt werden. Wir würden ihn natürlich zum Arzt bringen, aber die Sache hat einen Haken. Die Polizei ist hinter ihm her, weil er jemanden auf die Venus gebracht hat, den die Regierung nicht sehr gerne dort haben will."

Ich erinnerte mich and kürzliche Berichte auf allen Nachrichtenkanälen, wo über das Verschwinden dieses Aufrührers gesprochen wurde und alle spekulierten, wohin er wohl geflohen sein mochte. Die Venus war natürlich niemandem eingefallen, dieser Tummelplatz des Abschaums sämtlicher Rassen der Galaxis. Es gab keine Regierung, keine Ärzte und keine hygienischen Einrichtungen. Es gab aber sehr viele Krankheiten, irdischen und außerirdischen Ursprungs, und sogar Kombinationen daraus wie die Venusgrippe, die von quantanischen Wurmechsen übertragen wurde und jeden Menschen zum Krüppel machen konnte, wenn er nicht behandelt wurde. Was wollte David von mir? Hatte sein Freund etwa solch eine Krankheit mitgebracht?

"Die Krankheit ist nicht ansteckend und wird durch Gedanken übertragen." las ich weiter. "Mein Freund wird daran sterben, wenn er nicht bald Hilfe bekommt. Ich würde ihn gerne zu Ihnen bringen, vielleicht können Sie ihm helfen. Wir kommen heute Abend in Ihr Büro. Bitte stellen Sie sicher, daß Sie allein sind."

Ich war natürlich neugierig. Vor den Gedanken fürchtete ich mich nicht. Wir würden dem Kranken einfach einen Gedankenhelm aufsetzen und uns davor schützen. Ich wartete also am Abend auf David und seinen Freund.

Als er hereinkam, saß ich den kleinen Jungen von damals in seinem Gesicht. Er war älter geworden, aber seine Augen blitzten noch immer vor Neugier. Es war jedoch auch Angst darin und als ich seinen Freund sah, verstand ich. Er war ein Marsmensch, ein Mensch, der auf dem Mars geboren worden war. Er war dünn und hatte fast weiße Haut. Unter der Haut bewegte es sich unaufhörlich, als ob Käfer durch seinen Körper krochen. Ich ahnte schon, was es war. Machinenkrebs nannten wir es im Krankenhaus. Es wurde nicht durch Gedanken übertragen, sondern durch Blut. Oder durch Getränke, welche die Keime enthielten. Es wurde nur durch Gedanken aktiviert, die Gedanken des Wesens, das die Keime verbreitete. Es waren winzige Maschinenteile, die im Körper dieses Wesens wucherten und für es arbeiteten wie die Bakterien der Darmflora für den Menschen. Aber im Körper eines Menschen, ganz egal ob von der Erde oder vom Mars, waren die Maschinen tödlich. Wenn man sie nicht aus dem Körper entfernte.

Es gab nur eine Möglichkeit, die Maschinen zu entfernen. Man mußte das Blut des Menschen austauschen. Eine Art Dialyse durchführen, bei der die Maschinen herausgefiltert wurden. Wir hatten ein Gerät da, aber es war nie für solche Dinge benutzt worden. Wir mußten es aber probieren, denn die Maschinen im Inneren von Davids Freund wuchsen unaufhörlich, rotteten sich zusammen und bildeten Geschwüre, die den Körper langsam in eine Maschine verwandelten. Wir schlossen ihn also an das Gerät an und versuchten unser Glück. Es funktionierte sehr gut. Die kleinen Maschinen wurden aus dem Blut herausgefiletert und verblieben im Gerät.

Dem Marsmenschen ging es besser. Wir glaubten schon, es sei alles überstanden, als das Dialysegerät plötzlich mit großem Getöse anfing, sich selbst auszubauen. In Windeseile wuchsen daraus Arme und Beine sowie ein großer Kopf, dessen Gesicht die Züge des Marsmenschen imitierte. David fing an zu lachen und das Maschinenwesen betrachtete verwundert seinen neuen Körper. Es hatte sich seinen eigenen Wirt gebaut!

Wir überlegten, was wir mit dem Wesen anfangen sollten. David wollte es mitnehmen und verkaufen. Es folgte aber nur dem Marsmenschen und tat alles, was dieser im sagte. Schließlich gingen sie beide und nahmen das Wesen mit.

Nach einigen Tagen kam ein neuer Brief von David. Er war mit dem Marsmenschen zur Venus geflogen und sie hatten das Maschinenwesen mitgenommen. Eines der Original-Maschinenwesen hatte sich verliebt und ihnen das Ding abgekauft. Der Marsmensch war seit der Dialyse immun gegen die Maschinenkeime. Wir hatten also eine Heilmethode gefunden, welche auch die Maschinenwesen glücklich machte. David wollte die Methode auf der Venus vermarkten und wollte mein Einverständnis haben.

Ich schickte ihm meine Antwort umgehend. Sollte er machen, was er wollte. Bloß nicht meinen Namen erwähnen, wenn der Direktor das erfuhr! Er sollte so tun, als ob alles auf seinem Mist gewachsen sei. Und natürlich konnte ich es mir nicht verkneifen, den Antwortbrief mit dem Satz "Leb wohl mein Lieber, und laß dich nicht erwischen!" zu beenden.

Der Planet Apple 

von Margarete Schebesch

Wir hatten beschlossen, übers Wochenende aufs Land zu fahren. Ich war am Samstag morgen pünktlich am Bahnhof. Mein Freund Carlos war schon da und hatte auch schon die Fahrkarten gekauft. Wir hatten noch ungefähr eine Viertelstunde Zeit. Es waren viele Menschen da und alle Bänke waren besetzt. So lehnten wir uns beide an eine Mauer, die den Bahnhof von der Straße trennte.

Nach etwa 5 Minuten fühlte ich plötzlich hinter mir etwas warmes, als ob ich neben einem Ofen stünde. Ich drehte mich um und sah ein großes Loch in der Wand, in der Form einer Tunnelöffnung. Dahinter war ein dunkler Wald zu sehen und auf der anderen Seite der Mauer war es Nacht. Ganz weit hörte ich das Geräusch eines näherkommenden Zuges. Durch den Wald führten Schienen, die genau dort abbrachen, wo das Loch in der Mauer begann.

Ich sah Carlos an und wollte ihm sagen, was passiert war. Er stand ganz starr da, mit den Händen in den Hosentaschen, und blickte geradeaus auf die Gleise. Ich ging ein paar Schritte vorwärts und wollte das Loch aus einiger Entfernung betrachten. Carlos stand da, lässig an die Wand gelehnt und lächelte mir zu. Seine Augen aber waren leer und blicklos, wie die einer Statue. Das Loch war nicht zu sehen. Ich ging wieder zur Mauer zurück. Der Zug war näher gekommen. Ich hörte ihn schon viel deutlicher, und ab und zu konnte man durch die Bäume ein aufblitzendes Licht erkennen. Carlos stand noch immer unbeweglich da, mitten in der Tunnelöffnung.

Ich sah mich um. Die anderen Reisenden gingen umher und unterhielten sich und keiner schien das große Loch in der Mauer zu bemerken. Das Loch war nur zu sehen, wenn man genau davor stand. Und da wir schon beide an der Mauer lehnten, kam niemand mehr und stellte sich zu uns. Klar, daß niemand mehr das Loch bemerkte.

Ich ging zurück zu Carlos. Er stand da und lächelte, ohne sich zu bewegen, und ich konnte ihn nicht ansprechen. Der Zug war auf einige hundert Meter nähergekommen. Er fuhr sehr schnell und würde jeden Augenblick in den Bahnhof hereinbrechen und alles zerstören. Ich wurde unruhig und begann, mich langsam von dem Loch zu entfernen, als Carlos plötzlich sprach:
"Fürchte dich nicht", sagte er.

Der Zug donnerte heran und ich war im Begriff, Carlos am Arm zu packen und aus dem Weg zu ziehen. Es war zu spät. Der Zug kam und fuhr durch Carlos hindurch, durch mich und alle anderen Menschen, die in seinem Weg standen. Keiner von ihnen merkte was davon. Der Zug fuhr über den Bahnsteig, die Gleise und den nächsten Bahnsteig und verschwand in der Ferne. Das Loch in der Mauer war verschwunden und die Wärme der Wand war nicht mehr zu spüren.
"Er kommt jeden Morgen vorbei", sagte Carlos. "Ich wüßte sehr gerne, wohin er fährt, aber man kann ihn nicht berühren. Er fährt einfach durch dich hindurch und das war?s. Wirklich schade."