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Mystery

Der Morgenzug 

von Margarete Schebesch

Wir hatten beschlossen, übers Wochenende aufs Land zu fahren. Ich war am Samstag morgen pünktlich am Bahnhof. Mein Freund Carlos war schon da und hatte auch schon die Fahrkarten gekauft. Wir hatten noch ungefähr eine Viertelstunde Zeit. Es waren viele Menschen da und alle Bänke waren besetzt. So lehnten wir uns beide an eine Mauer, die den Bahnhof von der Straße trennte.

Nach etwa 5 Minuten fühlte ich plötzlich hinter mir etwas warmes, als ob ich neben einem Ofen stünde. Ich drehte mich um und sah ein großes Loch in der Wand, in der Form einer Tunnelöffnung. Dahinter war ein dunkler Wald zu sehen und auf der anderen Seite der Mauer war es Nacht. Ganz weit hörte ich das Geräusch eines näherkommenden Zuges. Durch den Wald führten Schienen, die genau dort abbrachen, wo das Loch in der Mauer begann.

Ich sah Carlos an und wollte ihm sagen, was passiert war. Er stand ganz starr da, mit den Händen in den Hosentaschen, und blickte geradeaus auf die Gleise. Ich ging ein paar Schritte vorwärts und wollte das Loch aus einiger Entfernung betrachten. Carlos stand da, lässig an die Wand gelehnt und lächelte mir zu. Seine Augen aber waren leer und blicklos, wie die einer Statue. Das Loch war nicht zu sehen. Ich ging wieder zur Mauer zurück. Der Zug war näher gekommen. Ich hörte ihn schon viel deutlicher, und ab und zu konnte man durch die Bäume ein aufblitzendes Licht erkennen. Carlos stand noch immer unbeweglich da, mitten in der Tunnelöffnung.

Ich sah mich um. Die anderen Reisenden gingen umher und unterhielten sich und keiner schien das große Loch in der Mauer zu bemerken. Das Loch war nur zu sehen, wenn man genau davor stand. Und da wir schon beide an der Mauer lehnten, kam niemand mehr und stellte sich zu uns. Klar, daß niemand mehr das Loch bemerkte.

Ich ging zurück zu Carlos. Er stand da und lächelte, ohne sich zu bewegen, und ich konnte ihn nicht ansprechen. Der Zug war auf einige hundert Meter nähergekommen. Er fuhr sehr schnell und würde jeden Augenblick in den Bahnhof hereinbrechen und alles zerstören. Ich wurde unruhig und begann, mich langsam von dem Loch zu entfernen, als Carlos plötzlich sprach:
"Fürchte dich nicht", sagte er.

Der Zug donnerte heran und ich war im Begriff, Carlos am Arm zu packen und aus dem Weg zu ziehen. Es war zu spät. Der Zug kam und fuhr durch Carlos hindurch, durch mich und alle anderen Menschen, die in seinem Weg standen. Keiner von ihnen merkte was davon. Der Zug fuhr über den Bahnsteig, die Gleise und den nächsten Bahnsteig und verschwand in der Ferne. Das Loch in der Mauer war verschwunden und die Wärme der Wand war nicht mehr zu spüren.
"Er kommt jeden Morgen vorbei", sagte Carlos. "Ich wüßte sehr gerne, wohin er fährt, aber man kann ihn nicht berühren. Er fährt einfach durch dich hindurch und das war?s. Wirklich schade."

Das Loch im Gehirn 

von Margarete Schebesch

Nein, er wußte selber nicht, was er eigentlich wollte. Es gab manchmal wirklich Momente, da war er zu allem bereit. Dann achtete nicht darauf, daß es verrückt war, woran er dachte. Es war der Tod. Er hatte nie vor ihm Angst haben wollen. Er dachte manchmal daran, und fragte sich, wie es wohl sein würde, einfach von der Brücke hinunterzufahren. Ins Wasser, das ihn bestimmt töten würde, denn er konnte nicht schwimmen.

Er trat auf das Gaspedal und der Wagen wurde schneller. Er flog dahin, und durch die Sträucher konnte er die Scheinwerfer der Wagen auf der anderen Seite der Autobahn sehen, Geisterlichter in der Nacht. Der Mond schien ihm durch die Windschutzscheibe genau ins Gesicht. Er dachte daran, einfach den Mond anzusehen, ihn anstarren, sich in ihn versenken. Auf der Titelseite einer Zeitschrift hatte er gesehen, daß der Mond ganz und gar von Kratern zerbeult war, wie ein pockengezeichnetes Gesicht. Nun konnte er nur ein paar Flecken auf der hellen, gelben Scheibe wahrnehmen, sie war schmutzig und unregelmäßig.

Vor ihm tauchten ein paar rote Rücklichter auf. Sie paßten so gut zu dem Gelb, dem fahlen Gelb des Mondes! Er war zu nahe dran, er mußte bremsen! Er blickte auf die Uhr. Er fuhr schon seit zwei Stunden.

Es war immer etwas da, was einen dazu drängte, Schluß zu machen. Man mußte sich nur diesen stillen Gründen öffnen, die der Antrieb dazu waren. Man mußte darauf hören, richtig zuhören mußte man, so wie man Radio hört. Manchmal war es nur die Neugier. Man wollte einfach wissen, wie es sein würde.

Eine Wolke schob sich vor den Mond und nahm das gelbe Licht vom Himmel. Die Leute sagen immer, das Licht ist silbern, dachte er, und in allen Büchern steht es so. Wieso hat bis jetzt noch niemand gesehen, daß das Licht gelb ist und nicht weiß? Es heißt auch immer, das Licht sei kalt. Es ist aber warm zu dieser Jahreszeit, angenehm warm, wärmend.

Als eine Wolke den Mond verdeckte, wurde es dunkel und kalt und er wurde müde. Es waren ein noch paar Sterne zu sehen, er konnte sie durch die Windschutzscheibe erkennen. Es gab also noch Wolkenlöcher, und vielleicht kam der Mond gleich wieder...Er kam, gelb, schwarz und verzehrend.

"Was täten die Menschen ohne das Licht in der Nacht?" fragte er sich langsam und buchstabierte jedes Wort im Kopf, für jedes in den Sträuchern aufblitzende Scheinwerferpaar einen Buchstaben. Die Buchstaben wurden zu Sekunden, zu den Schlägen einer lautlosen Uhr in seinem Kopf, und mit jedem Schlag verstrich ein Stück Zeit, es wurde einfach weggewischt. Immer zwei Lichter, hell, beißend hell, und sie schnitten immer wieder ein Stück der Dunkelheit heraus. Er begann diese Lichter zu hassen und je mehr davon auftauchten, desto größer, stärker wurde sein Haß. "Wie kann man denn Scheinwerfer hassen!" dachte er, und sein Gehirn sträubte sich, nach einer Antwort zu suchen. Seine Hände verkrampften sich auf dem Lenkrad, und sein Fuß erstarrte auf dem Gaspedal. Er mußte sie alle sehen, alle Lichter, die da kamen, er fuhr schneller, und die Scheinwerfer fuhren schneller vorbei, es waren jetzt viel mehr als vorher, er merkte plötzlich, daß sie von überall her kamen, im Rückspiegel waren sie und vor ihm, an den Seiten, sogar über ihm glänzte ein schmutziger, gelber, greller Scheinwerfer! Sie waren alle da, jeder eine Sekunde, und jeder wollte sein Stück von der Zeit haben. Er konnte fühlen, wie die Zeit kleiner wurde, dünner, enger, weniger, weniger! Er hatte nur noch wenig Zeit, und die Lichter kamen immer schneller. Jedes nahm seine Zeit und verschwand, jedes eine Sekunde.

Als das Ausfahrtschild vor ihm auftauchte, fühlte er nicht Erlösung, sondern eine große Sorge, die sich in seinem Bewußtsein breit machte. Er hatte Angst, es könnte ihm nicht genug Zeit bleiben. Zeit wofür denn? Die Lichter waren alle fort, nur das gelbe Licht am Himmel war noch da, still, hell und fordernd. Es wollte Zeit haben, seine letzte Zeit, genau die Zeit, die er noch brauchte, Zeit wofür denn? Er wußte nicht, wieviel Angst in seinen Gliedern steckte, er wußte nur, daß sie da war, ihn umhüllte, ihn umschlang. Doch als sich eine neue schwarze Wolke vor den Mond schob, wußte er plötzlich, wohin er fahren mußte.

Er hatte schon oft daran gedacht. Es war schwer zu sagen warum, aber der Ort hatte ihn schon immer fasziniert. Es war ein steiler Abhang, unten waren Bäume, Gras und ein Bach. Es war wunderschön, und es war stockdunkel. Alles war schwarz, undurchdringbar, schwarz wie das Loch, das in seinem Gehirn klaffte seit diesem seltsamen Abend im April. Damals hatte er beschlossen, sich von dem Mädchen zu trennen, das ihn umgekrempelt hatte. Er hatte sie sehr geliebt, zu sehr, wie er meinte, und er hatte geglaubt, er würde sie ins Unglück stürzen. Sie hatte geweint, und sie glaubte nichts von dem, was er sagte. War es nur die zu große Liebe, die ihn dazu getrieben hatte, ihr wehzutun, oder war es die bloße Angst vor ihr? Vielleicht hatte er doch nur gefürchtet, er könnte sich selbst an sie verlieren. Wollte er nur die Kontrolle über sich nicht an sie verlieren, oder... Oder? Sie hatte ihn beherrscht, sie hatte ihn gequält, warum in aller Welt hatte er sie nur geliebt? Seit sie fort war, hatte er ein Loch im Gehirn. Ein Stück seiner selbst war verloren. Er konnte nicht ohne sie leben. Warum trennen sich Leute immer, wenn sie sich zu sehr lieben? War es wirklich Liebe, was sie zu fühlen glaubten, oder war es nur Habgier, der unheimliche Drang, jemanden zu besitzen? Wieder kam der Mond hinter den Wolken hervor. Es wurde hell in dem Graben, und tief unten glitzerte der dünne Bach. Diesmal war das Licht silbrig und kalt, schwerfällig. Er blickte zum Mond hinauf. Er war weiß und befleckt.

Die Luft war eiskalt. Er fröstelte und wünschte sich plötzlich, er wäre nie weggefahren, doch jetzt war es zu spät. Er war müde und fror erbärmlich, doch jetzt konnte er nicht mehr fahren, nicht mit dem kalten Mond über ihm.

Da sah er unten, neben dem glitzernden Wasser einen dunklen Fleck. Er fuhr zusammen, strengte seine Augen an, um bis zum Boden der Schlucht zu reichen. Alles in ihm konzentrierte sich auf diesen schwarzen Fleck in der Tiefe, sogar das Loch in seinem Gehirn verschwand für einen Augenblick, und er konnte erkennen was es war, das da unten lag.

Er war nicht der erste gewesen! Plötzlich kam er sich lächerlich vor, fühlte sich verraten und zerschlagen. Wie konnte er nur an den Tod denken, wie konnte er nur? Er ging zurück zu seinem Wagen, setzte sich ans Steuer und fuhr los. Nach ein paar Minuten war er auf der Autobahn, und der Mond war sehr gelb. Er drehte das Radio an und manchmal mußte er leise lachen. Denn dort unten, auf dem Boden der Schlucht, dicht am Ufer des kleinen, schmalen Baches lag dieser Mensch, der ihm zuvorgekommen war!

Der Erdbeerentod 

von Margarete Schebesch

Es war herrlich, sich einfach mitten ins Feld zu setzen, in das Rot und Grün, Süß und Heiß und vor allem Reif! Samuel legte sich in den Pfad zwischen den Erdbeerreihen und griff nach der ersten blutroten, leuchtenden Frucht. Der Genuß war jedesmal da, immer wieder und alle Jahre. Nur dieses Mal war die Erdbeere gar nicht so süß wie er sich das erhofft hatte, sondern sie schmeckte langweilig und gleichgültig und ein wenig nach Blättern. Samuel probierte die nächste Erdbeere, aber die schmeckte genauso. Erst bei der dritten glaubte er die gewohnte Süße zu spüren, der Geschmack befriedigte ihn jedoch nicht.

Er zog ein saures und enttäuschtes Gesicht und setzte sich aufrecht hin. Über ihm war der goldgelbe Himmel, voller Hitze und Licht, und plötzlich fühlte er sich davon erdrückt und sehr schwach. Sein Kopf wurde schwer und er fühlte, wie seine Stirn heiß wurde und brannte. Es dauerte alles nur einen Augenblick, dann war der Himmel wieder da, blau und beruhigend, und die Erdbeeren leuchteten weiter in ihrem reifen Rot vor sich hin, ohne sich um die Veränderung zu kümmern.

Samuel wußte nicht, was es war. Man hätte alles auf die übermäßige Erregung zurückführen können. Sie hatte sich gesteigert, sooft er an dem Erdbeerfeld vorbeigegangen war und durch den Zaun hindurch sehnsüchtig nach den reifen Früchten spähte, aber seine Sehnsucht war nicht verschwunden. Nun saß er hier und betrachtete die Erdbeeren, eine nach der anderen, und sie waren wie jedes Jahr, rot und lebendig. Vor allen Dingen waren sie lebendig!

Und dann wurde auch Samuel lebendig. Plötzlich und sehr schnell geschah etwas mit seinem Bewußtsein und fremde Gedanken strömten durch seinen Geist. Da war die alte Nonne, die Erdbeeren nicht gemocht hatte, und sein guter Freund Ben, der Erdbeeren geliebt hatte. Und da war ein Verbot, das einmal gegen das Erdbeerfeld ausgesprochen worden war, weil die Erdbeeren zu groß geworden waren. Das Feld lag in einem kleinen Tal, das einmal ein Friedhof gewesen war. Die Nonne war gestorben, nachdem sie angefangen hatte, ein längst verwildertes Grab in diesem Tal zu pflegen. Sie hatte den Hügel von Erdbeerpflanzen befreit und dabei ein paar Erdbeeren gegessen. Sie hatte nicht wiederstehen können. Man hatte sie auf dem Erdbeerfeld begraben.

Ben war nicht gestorben. Er war einfach verschwunden. Das heißt, vielleicht war er doch tot, aber Samuel glaubte nicht daran. Nicht jetzt, nicht mit den roten Klecksen in den Augen. Es konnte einfach nicht sein, dafür war die Farbe viel zu rot und zu dunkel.

Es war ein befreiendes Gefühl, sich aufzulösen, sich einfach hinzugeben für ein neues Leben. Wenn es auch vergänglich war, so würde er doch weiterleben in vielen anderen Menschen und viele Jahre lang. Samuel dachte nur an seine Mutter, die Erdbeeren auch liebte, genau wie er selber, und er wurde sehr ruhig bei dem Gedanken, daß sie ihn als erste suchen würde.

Erdbeeren, dieses süße, rote Wort, wie konnte es noch Form annehmen in seinem Kopf, wo es ihn doch nicht mehr gab?

Harrys Gebet 

von Margarete Schebesch

Es muß etwas Wunderbares sein, das uns dazu bringt, die Augen zu den Sternen zu erheben, und uns erschauern läßt angesichts der Schönheit, die mit dessen schwachen Licht auf uns herniederfließt. Es war sicher auch dieses unbestimmbare Etwas, das sich in Harrys jungem Bewußtsein festsetzte, nachdem er zum ersten Mal in seinem Leben den schwarzen Himmel mit all seinen Sternen betrachtet hatte. Es ließ ihn nicht mehr los, es überschwemmte seine Gedanken, und die Sehnsucht drang in seine Glieder, die Sehnsucht nach den unendlich weiten Lichtern.

Er war erst fünf Jahre alt, aber er wußte genug, um sich darüber im klaren zu sein, daß die flimmernden Lichter da oben keine Kerzen waren, oder Glühlampen oder irgendwas von dieser Art. Es waren Sonnen, genau solche, wie seine geliebte Sonne es war, sie waren nur alle sehr weit weg. Harry wußte das alles von seinem Vater, und er hatte sich oft genug davon überzeugen können, daß alles stimmte, was sein Vater ihm erzählte. Wenn er mit seinen Eltern in die Stadt fuhr und auf der Rückbank im Auto saß, dann wurden die Autos, die an ihnen vorbeifuhren, immer kleiner. Ja, es war richtig, er glaubte es.

Dieser Glaube war es auch, der Harry dazu trieb, am Abend manchmal durch das niedrige Fenster seines Zimmers zu steigen und in den Garten hinauszulaufen. Hier standen zwar Bäume, die den Himmel teilweise verdeckten, dafür war es aber stockdunkel. Harry hatte im Unterschied zu den anderen Kindern seines Alters keine Angst vor der Dunkelheit. Er fürchtete sich nur vor der völligen Stille nachts in seinem Zimmer, und deshalb mußten seine Eltern das Fenster jede Nacht offenlassen, damit das Rauschen der Bäume im Garten oder die weit entfernt vorbeifahrenden Züge zu hören waren. Dann konnte Harry ruhig schlafen. Seine Eltern wußten nichts von seinen nächtlichen Ausflügen, sie wunderten sich nur manchmal darüber, daß Harry an manchen Sommertagen müde und melancholisch herumlief. Harry wußte sehr wohl, daß es ihn seine heimliche Freiheit kosten würde wenn seine Eltern entdeckten, was ihr Sohn an warmen Sommerabenden unternahm. Sie würden das Fenster nicht mehr offenlassen und er dürfte nicht mehr in den Garten hinaus. Harrys Eltern waren nämlich ganz normale Eltern.

Als sich Harry in dieser Nacht ganz leise aus seinem Zimmer schlich, war er sicher, daß alles in Ordnung war. Es gab keinen Laut im Haus und die Nacht war klar und finster. Draußen wehte ein leiser Wind durch die Pflaumenbäume, es war heiß und kühl zugleich, und Harry fröstelte. Er ging trotzdem weiter, in den Garten hinein. Die Blätter raschelten einschläfernd und es roch nach frisch gemähtem Gras. Der Geruch kitzelte Harry in der Nase, und er hielt sich krampfhaft zurück, um nicht nießen zu müssen. Die Pflaumen waren reif, und ab und zu fiel eine zu Boden. Harry erkannte den leisen Knall, den sie beim Fallen verursachte, und lächelte leise vor sich hin.

Es gab eine Stelle im Garten, wo die Bäume etwas weiter auseinander standen und wo man den größten Teil des Himmels sehen konnte. Harry legte sich ins Gras und hatte den ganzen Himmel in den Augen. Er lag still und lauschte den Geräuschen der Nacht und dem leisen Krabbeln in seinen Ohren im Gras. Die Sterne über ihm leuchteten warm und zitternd, und Harry erkannte jeden einzelnen von ihnen. Er hatte sehr gute Augen und konnte die Milchstraße als helles Band am Himmel sehen, Kassiopeia und den Schwan mittendrin, und genau über seinem Gesicht das Große Viereck des Pegasus. Diese Namen kannte Harry noch nicht, aber er besaß die Gabe, die einigen Menschen von der Natur mitgegeben wird, nämlich Ordnung in die Unordnung zu bringen. Er hatte seinen eigenen Sternbilder, die er einfach als "das Viereck" oder "das Dreieck" nannte, und er hatte längst herausgefunden, daß die Sterne sich bewegten. Er wußte aber auch, daß sie jeden Abend wiederkamen, wenn auch immer etwas zeitverschoben.

An diesem Abend jedoch war Harry zu müde. Das Rauschen der Blätter wirkte einschläfernd und das leise Flimmern der Sterne ließ die Augen ermatten. Die Wärme, welche von dem hohen Gras ausging, umfing Harry wie eine Decke, und mit den Sternen im Gesicht fiel er langsam in den Himmel hinein, ohne zu merken, wo die Wirklichkeit aufhörte und der Traum begann. Er träumte von großen, hellen Sternen, die den Himmel überzogen wie ein gepunktetes Tuch, sie kamen und gingen in geordneten Formationen, eine riesige, glitzernde Armee aus Lichtern, lang und bedrohlich. Und Harry träumte von seiner Angst vor den Sternen und von brummenden Geräuschen, die von ihnen ausgingen, von kleinen, stechenden Schmerzen in seinen Gliedern, und von dem heftigen, Wind der ihn schüttelte und seine Kleider zerfetzte und ihn plötzlich hochhob und forttrug, an einen Ort, wo nur Stille war.

Der Vater trug Harrys von Ameisen zerbissenen und von Mücken zerstochenen Körper ins Haus und legte ihn ins Bett. Harry schlief weiter, aber die Angst in seinem Traum blieb und er wachte schweißgebadet auf. Seine Mutter saß an seinem Bett und rieb sein Gesicht mit einem klebrigen Öl ein, das die Haut spannte und die Gedanken einengte. Es roch sehr stark nach Pfefferminze und der Luftzug vom Fenster, das auf verwunderliche Weise offenstand, strich kühlend über sein geschwollenes Gesicht, bis seine Gedanken endlich klar wurden.

Er mußte alles erzählen. Sein Vater glaubte ihm, seine Mutter scholt ihn und beteuerte immer wieder, welch großen Schrecken Harry ihr eingejagt habe. Harry liebte seine Eltern, aber er liebte die Sterne noch mehr. Als er am folgenden Abend das nun geschlossene Fenster mit Mühe geöffnet hatte und hinausklettern wollte, legte sich die Angst auf sein Gemüt, schwer wie ein Sack voller Salz, und Tränen schossen ihm in die Augen. Sein Vater kam herein und nahm ihn in die Arme. Harry mußte in sein Bett zurück und die Tränen wurden sachte aus seinem Gesicht gewischt. In dieser Nacht versuchte er nicht wieder, in den Garten zu kommen, und in den folgenden Nächten auch nicht mehr. Er wußte, daß sein Vater bis spät in die Nacht hinein wach lag und lauschte. Er würde nicht weit kommen.

Es war ein langes Warten durch die Nächte hindurch. Der Herbst verging langsam, und schmerzvoll verloren die Pflaumenbäume ihre Blätter. Die kalten Winde der Ebene seufzten um die Häuser und durch die Fugen der Türen. Harry kam in die Schule. Er war ein stilles Kind, mit sehnsüchtigem Blick und einer zarten, weichen Stimme. Seine Intelligenz offenbarte sich nicht unbedingt in seinen Noten, sondern vielmehr in der Geschicktheit, mit der er es verstand, sich aus allen Streitereien seiner Kameraden herauszuhalten. Er schlichtete jedoch auch nie einen Streit, sondern wartete still und wachsam in einer Ecke des Klassenzimmers, bis alles vorbei war. Die anderen Kinder nahmen dies nicht zur Kenntnis, aber die Lehrer, die meist bei solchen Gelegenheiten hereinplatzten, bemerkten es und wunderten sich sehr.

Der Winter kam mit Frost und sehr viel Schnee, und Harrys Fenster mußte weiterhin in den Nächten geschlossen bleiben. Er stand oft abends mit plattgedrückter Nase im Dunkeln am Fenster und seine Lippen waren fest geschlossen. Er zeigte keine Feindseligkeit seinen Eltern gegenüber und weinte auch nicht nachts in seinem Bett. Er hatte sich an die Stille gewöhnt und litt nicht mehr so sehr darunter.

Es kam die Weihnachtszeit. Harry freute sich, wie jedes Jahr. Diesmal fand er unter dem Weihnachtsbaum ein kleines Buch in schönem Einband, welches ihm sehr gut gefiel. Es war eine Kinderbibel. Mit den wenigen Kenntnissen, die er hatte, begann er zu lesen, abends in seinem stillen Zimmer und in der Schule, während der Pausen. Er hatte das Buch bald durchgelesen und fing an, über all die Geschichten nachzudenken. Er dachte auch weiter an die Sterne und sah sie noch manchmal in seinen Träumen. Seine Eltern freuten sich, daß er so begeistert in der Bibel las, aber das Fenster blieb weiterhin verschlossen.

Der Frühling brach herein wie eine Explosion und Harrys stilles Gesicht wurde etwas lebhafter. Sein sehnsüchtiger Blick löste sich auf und machte einem freudigen Leuchten in seinen Augen Platz. Er konnte jetzt richtig lesen und las auch andere Bücher. Aber in fast allen Büchern, die er bekam, stand immer irgendwas von Gott drin. Mit der Zeit fand Harry heraus, daß Gott ein Wesen sein mußte, das durch seine große Macht alles tun konnte, wenn man ihn nur richtig darum bat. Er stellte sich Gott nicht wie einen alten Mann mit einem langen Bart vor, sondern er wußte ganz genau, daß er irgendwo war, wo niemand ihn sehen konnte. Wie sollte man dann wissen wie er aussah?

An diesem Abend wehte der Wind leise und kühl und fast zärtlich durch die jungen Blätter der Bäume im Garten. Die Luft roch nach Jasmin und Pfingstrosen, und ein letzter Schimmer des Abendrotes flimmerte über dem Horizont. Harry wußte dies alles nicht. Er fühlte es nur und sah es und liebte diese Dinge mit der ganzen Kraft seines jungen Körpers. Er stand im Garten, im schützenden Dunkel, das ihn umgab, ein kleiner, heimlicher Schatten. Er dachte an Gott und es war sehr natürlich, zu glauben, daß Gott auch irgendwas mit den Sternen zu tun haben mußte, wo ihm doch alles gehörte. Es war also alles ganz einfach, und es würde sehr leicht gehen.

In der kühlen Nacht erhob Harry seine Augen zum Himmel und sah seine Sterne, und er betete ein leises Gebet. Als er fertig war, wischte er sich den frischen Abendtau vom Gesicht und ging zurück ins Haus. Und in dieser Nacht blieb niemand wach um zu sehen, wie die Sterne langsam verschwanden und der Himmel schwarz wurde, und finster und leer.