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Die unglückliche Königin

von Margarete Schebesch

Es war einmal eine gute Fee, die hieß Belinda. Sie durchwanderte das Land in der Gestalt einer weisen alten Frau und half den Menschen in Not, welche Sie auf ihrer Wanderschaft traf. Eines Tages kam Belinda in eine große Stadt. Schon vor den Toren der Stadt bemerkte sie auf den Türmen der Stadtmauern viele besoders schöne, bunte Fahnen. Jede Fahne hatte jedoch am unteren Ende einen breiten schwarzen Streifen. Auch die Wappen auf den Schildern der Wachsoldaten am Tor hatten einen schwarzen Streifen aufgemalt und die Soldaten trugen ein schwarzes Band auf der Schulter.

Die Stadt war sauber und ordentlich gehalten, die Straßen waren breit und luftig und die Gebäude waren mit Blumenkränzen geschmückt. Aber auch hier gab es trotz des bunten, fröhlichen Schmuckes überall die schwarzen Bänder. Als Belinda über den Markt schritt, kam ihr eine Frau entgegen, die ihr kleines Kind an der Brust hatte. Die Frau sah glücklich aus und ihr Gesicht trug einen stolzen Ausdruck. Liebevoll strich sie Ihrem Kind immer wieder über das kleine Köpfchen und herzte und liebkoste es immerzu. Belindas Herz wurde weich bei diesem Anblick, aber dann sah sie das breite, schwarze Band, welches die Frau an der Schulter befestigt hatte. Sie wunderte sich sehr und beschloss, zu erfahren, was es bedeutete.

Belinda trat auf die Frau zu und sprach sie an: „Sei gegrüßt, gute Frau. Darf ich dich um eine Auskunft bitten?“ Die Frau erwiderte Belindas Gruß und blieb stehen. Neugierig schaute sie Belinda an, merkte aber, dass Belinda fröhliche Augen und ein gutmütiges Gesicht hatte.
„Auf dem Weg durch eure Stadt sah ich überall die schönen, bunten Fahnen, alles ist freundlich und festlich geschmückt, aber der Trauerflor ist allenthalben zu sehen und trübt das Bild. Was ist in eurer Stadt geschehen, dass die Menschen trauern müssen obwohl sie fröhlich sind?“
„Oh,“ sagte die Frau, „das ist eine schlimme Geschichte. Vor einigen Tagen hat unsere Königin ein Kind zur Welt gebracht, einen Sohn. Der König war so froh darüber, dass er die ganze Stadt festlich schmücken und überall die schönsten Fahnen aufhängen ließ. Alle Menschen freuten sich mit ihm und mit der Königin. Doch seit der Geburt ihres Kindes ist die Königin in eine große Traurigkeit gefallen, aus der sie niemand mehr hervorrufen kann. Sie sitzt den ganzen Tag in ihrer Kammer und weint oder starrt trübsinnig vor sich hin. Kein Arzt aus der ganzen Stadt konnte ihr helfen, denn sie lässt niemanden zu sich. Sogar der König muss sich über Boten mit ihr verständigen. Aus Trauer über den Zustand der Königin ließ er dann trotz des bunten Schmuckes den Trauerflor beziehen.“
„Und wer kümmert sich um das Kindlein?“ fragte Belinda weiter.
„Es hat natürlich eine Amme", entgegnete die Frau, „wie es sich für königliche Kinder ziemt, nicht wahr?“
Belinda dankte der Frau und ging nachdenklich weiter. War dies vielleicht ein Fall, wo ihre Hilfe gebraucht wurde?

Der Königliche Palast stand auf einem Hügel am nördlichen Ende der Stadt und es führte eine gewundene Straße steil hinauf. Belinda stieg auf den Hügel und bat, mit dem König sprechen zu dürfen. Sie sagte, sie sei eine weise Heilerin, die der Königin vielleicht helfen könne. Der König empfing sie bald, denn er hoffte immer noch, dass seine Frau ihre Traurigkeit überwinden könne.

Belinda fragte den König, ob er eine Ahnung habe, warum seine Frau so traurig sei.
„Ich kann es mir nicht erklären“, sagte der König. Sie hat sich mit mir zusammen auf das Kind gefreut und als es geboren wurde, schwelgte sie im Glück. Doch kurz danach überkam sie diese tiefe Traurigkeit. Sie isst nicht und kümmert sich um nichts mehr. Ihre Dienerinnen dürfen nicht zu ihr und deshalb weiss niemand, wie es ihr wirklich geht. Nur eine alte Kammerfrau, die schon ihre Amme war, darf sie besuchen und sie ist die einzige, die sie sieht.
„Darf ich mich mit der Kammerfrau unterhalten?“fragte Belinda den König.
„Das kannst du gerne tun“, antwortete der König. „Nur ist es so, dass diese Zofe seit ihrer Geburt stumm ist und nicht spricht. Mit der Königin verständigt sie sich durch Gebärden, welche meine Frau seit ihrer Kindheit beherrscht. Mit anderen Menschen verständigt sie sich mit kleinen Zetteln, die sie immer bei sich trägt. Vielleicht kannst du auch auf diese Weise mit ihr sprechen.“
„Ich will es versuchen“, sagte Belinda. „Ich beherrsche viele verschiedene Sprachen, und auch die Gebärden der Schweigenden sind mir nicht fremd.“

Belinda wurde in ein kleines Zimmer gefürt, wo die alte Kammerfrau der Königin auf sie wartete. Als Belinda zu ihr trat und sie ansah, merkte die Kammerfrau, dass sie hier keine Zettel benötigte. Sie konnte mit Belinda durch ihre Augen sprechen. Auch Belinda fühlte, dass sie der Kammerfrau vertrauen konnte und zeigte sich ihr in ihrer wahren Gestalt. Als die Kammerfrau die leuchtende Schönheit der Fee sah, fiel sie vor ihr auf die Knie. Doch Belinda half ihr wieder auf die Füße und bat sie, ihr zu zeigen, wie sie zur Königin kam. Die Kammerfrau bedeutete ihr, dass sie ein besonderes Klopfzeichen hatte, worauf die Königin sie einließ. Vorher schaute die Königin aber durch ein kleines Loch an ihrer Tür, um sich zu vergewissern, dass sie keinen Fremden einließ. Nun sprach Belinda zu der Kammerfrau: „Warte hier auf mich. Ich werde an deiner Stelle zur Königin gehen wenn sie dich rufen lässt. Ich weiss vielleicht, wie man ihr helfen kann.“
Die Kammerfrau dankte ihr und blieb ruhig in ihrem Zimmer.

Als die Königin mit ihrer Glocke leutete, nahm Belinda die Gestalt der stummen Kammerfrau an und ging zur Tür der Königin. Sie klopfte das geheime Klopfzeichen an die Tür und hörte, wie die Königin zur Tür trat und die Klappe vor dem kleinen Loch öffnete. Kurz darauf ging die Tür auf und die Königin ließ sie eintreten.

Belinda schaute sich im Zimmer der Königin um und erblickte ein Bild des Jammers. Auf dem Bett lagen noch die Laken, welche die Königin bei der Geburt ihres Kindes benutzt hatte. Die Königin selbst war jung und schön, aber ihre Augen waren von den vielen Tränen geschwollen und glänzten fiebrig. Unter ihrem engen Kleid wölbte sich ihre Brust und spannte den Stoff. Die Brust war mit einem breiten Tuch fest abgebunden, aber an den Stellen, wo die Brustwarzen sich befanden, waren große feuchte Flecken auf dem Tuch und den Kleidern der Königin. Sie war schwach und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Auf dem Tisch gab es viele Teller mit angefangenen Mahlzeiten, welche die Königin jedoch nie aufgegessen hatte. Sie fiel Belinda um den Hals und ein Weinkrampf schüttelte sie. Belinda fühlte, wie die Königin zitterte und hielt sie fest, damit sie nicht umsinken konnte. Sie führte die Königin zu einem Sessel und sprach beruhigend auf sie ein. Dann richtete sie sich auf und zeigte der Königin ihre wahre Gestalt.

„Ich bin hier, um dir zu helfen“, sagte Belinda zur Königin. „Ich weiss um deinen Schmerz und ich weiss auch den Grund dafür.“
„Aber wie kannst du es wissen?“ fragte die Königin verwundert? „Ich habe niemandem davon erzählt und es würde mich niemand verstehen. Ich vergehe vor Sehnsucht und weiss mir nicht zu helfen.“
„Als erstes“, sagte Belinda, „erlaube mir, dir dieses Tuch abzunehmen. Es ist Unsinn, die Brust abzubinden, wenn sie die Milch für dein Kind bildet.“ Sie band das Tuch los und warf es zu den Laken auf dem Bett. Die Königin atmete erleichtert auf und sofort begann ihre Milch durch den Stoff des Kleides auf den Boden zu tropfen.
„Als nächstes gehen wir dein Kind holen.“ sagte Belinda. „Weisst du, wo wir es finden können?“
„Ich habe die Amme selbst ausgesucht“, antwortete die Königin. Sie wohnt neben dem Kinderzimmer, im westlichen Flügel.“
„Aber das ist ja auf der anderen Seite des Palastes!“ rief Belinda entsetzt. „Warum muss sie denn so weit weg sein?“
„Das ist so, damit das Weinen des Kindes den König und die Königin nicht stört“, sagte die Königin und brach wieder in Tränen aus.
„Komm mit und zeige mir den Weg“, sagte Belinda. „Ich stütze dich, dann schaffen wir das zusammen. Ich werde wieder die Gestalt der Kammerfrau annehmen, dann geht es vielleicht einfacher und wir werden nicht aufgehalten.“
Belinda änderte wieder ihre Gestalt und ging mit der Königin zusammen in den westlichen Flügel. Es begegneten ihnen viele Bedienstete, welche sie alle mit Verwunderung und Mitleid anstarrten. Aber Belinda kümmerte sich nicht darum, sondern half der Königin weiter auf dem Weg zu ihrem Kind.

Als sie sich dem westlichen Flügel näherten, konnten sie schon das Kind weinen hören. Es war ein herzzerreißendes, jämmerliches Weinen und Belinda vermutete, dass das Kind schon sehr lange so weinen musste. Als sie die Tür zum Zimmer der Amme öffneten, sahen sie die Amme am Fenster sitzen und nähen. Das Kind lag in einer Wiege neben ihrem Bett und schrie sich die Seele aus dem Leib. Belinda lief zur Wiege und nahm das Kind heraus. Dann gab sie das Kind der Königin, welche es sofort an sich drückte. Belinda ging zur Amme, welche sie verständnislos ansah.
„Warum nährst du das Kind nicht, Frau, wenn es Hunger hat?“ fragte Belinda die Amme. Diese ließ vor Schreck ihre Näharbeit fallen und wich zurück. Sie hatte ja geglaubt, die Kammerfrau sei stumm, und nun sprach sie mit einer mächtigen Stimme zu ihr. Zitternd antwortete sie:
„Es war noch nicht die Zeit, um es zu füttern. Seht ihr die Uhr dort drüben an der Wand? Erst wenn sie Mittag schlägt, darf ich das Kind nähren, da es sonst Bauchweh bekommt.“

Belinda schüttelte den Kopf und ging wieder zur Königin. Sie half ihr, die Knöpfe ihres Kleides zu öffnen, welche sich auf dem Rücken befanden. Dann bat sie die Königin, sich auf den Stuhl der Amme am Fenster zu setzen,legte ihr Kind wieder in ihre Arme und zeigte der Königin, wie sie ihm helfen konnte, an ihrer Brust zu trinken. Das Kind öffnete gierig den Mund und trank die Milch seiner Mutter. Als die Königin fühlte, wie ihr Sohn ihre Milch trank, legte sich ein strahlendes Lächeln auf ihr Gesicht und eine große Freude und innere Ruhe breitete sich in ihr aus. Ihr Körper entspannte sich und die Traurigkeit fiel von ihr ab wie ein zerrissenes Kleid.

Belinda ging wieder zu der Amme und fragte sie:
„Hast du eigene Kinder?“
„Ja“, antwortet die Amme. Ich habe ein Mädchen, das zwei Wochen alt ist. Meine Mutter achtet auf sie und füttert sie mit Ziegenmilch seit ich den Prinzen nähren muss. Es geht meiner Tochter nicht sehr gut. Ich glaube, die Ziegenmilch bekommt ihr nicht.“ Bei diesen Worten war die Amme selbst den Tränen nahe und ihre Finger krampften sich um ihre Näharbeit, die sie wieder aufgehoben hatte.
„Geh nach Hause“, sagte Belinda zu ihr. „Von heute an wird die Königin ihr Kind selbst stillen. Du sollst dein eigenes Kind nähren, damit es wieder kräftig wird. Wenn deine Tochter nicht mehr weiss, wie sie an deiner Brust trinken kann, dann komm mit ihr zusammen zu mir. Ich werde dir zeigen, wie du sie wieder lehren kannst, deine Milch zu trinken. Wirf die Uhr weg und lasse deine Tochter immer trinken, wenn sie sich regt.“
„Oh, seid gesegnet, weise Frau!“ rief die Amme. „Wie kann ich euch danken?“
„Indem du niemals wieder deine eigenen Kinder im Stich lässt, um andere zu nähren. Und indem du allen anderen Frauen erzählst, dass ihre eigene Milch für ihre Kinder das Beste ist, was es auf der Welt gibt.“
„Das will ich tun!“ sagte die Amme unter Tränen und lief hinaus.

Danach ging Belinda mit der Königin wieder zurück in den Ostflügel. Die Königin hielt ihren Sohn fest in ihren Armen und nach und nach legte sich der gleiche stolze Ausdruck auf ihr Gesicht, den Belinda schon bei der Frau auf dem Markt gesehen hatte. Die Bediensteten wichen zurück wenn die Königin vorbei kam, aber als sie die Freude in den Augen der Königin sahen, klatschten sie in die Hände und tanzten vor Freude durch das Schloss. Der König hörte den Tumult und kam dazu. Verwundert und dankbar sah er das Lächeln im Gesicht der Königin und fragte sie, was geschehen sei. Da verwandelte Belinda sich wieder und nahm die Gestalt der weisen Frau an, mit welcher der König sie kennen gelernt hatte.
„Die Königin war sehr krank vor Sehnsucht nach ihrem Kind“, sagte sie dem König. „Ihre Brust bildete die Milch für ihren Sohn, weil er sie aber nicht trinken konnte, schwoll die Brust an und entzündete sich. Das Fieber und die Schmerzen machten die Königin schwach und vor lauter Sehnsucht und Trauer konnte sie nichts essen. Von heute an soll sie sich selbst um ihr Kind kümmern. Es wird bei ihr schlafen und sie wird es nähren, es anziehen, waschen und mit ihm spielen. Niemand darf versuchen, den Prinzen von seiner Mutter zu trennen und die Königin muss jede Unterstützung erhalten, die sie braucht. Ich habe die Amme nach Hause geschickt, damit sie sich um ihre eigene Tochter kümmern kann, der es nicht gut geht.“
„Oh, wenn ich nur gewusst hätte!“ rief der König und umarmte die Königin. „Seit Jahrhunderten werden die königlichen Kinder von Ammen genährt und getrennt von der Mutter erzogen. Wie viel Schmerz haben sie alle gelitten! Aber jetzt soll das anders werden. Ich bin der König und erlasse hiermit ein Gesetz, dass niemals wieder eine Mutter von ihrem Kind getrennt werden darf, auch keine Königin. Und als nächstes gebe ich den Befehl, dass der Trauerflor entfernt wird und die Menschen sich endlich freuen und feiern können, wie es der Geburt eines Prinzen gebürt. Wir wollen ebenfalls feiern, denn ich habe einen Sohn!“

Nun begannen die Bediensteten im ganzen Schloss erst recht zu tanzen, zu singen und in die Hände zu klatschen. Überall erzählte man sich, was passiert war und die Stadt erstrahlte in Pracht und Schönheit wie nie zuvor. Belinda blieb noch für einige Tage im Schloss bei der Königin und unterwies die stumme Kammerfrau und die Bediensteten der Königin. Sie lehrte sie, was zu tun sei, wenn die Brust der Königin sich entzündete und wie sie die Königin unterstützten, so dass sie sich ganz um ihren Sohn kümmern konnte. Der König ließ einen Schneider kommen, der die Kleider der Königin ändern musste, damit man sie vorne aufknöpfen konnte.

Die Amme kam nach einigen Tagen mit ihrem Töchterlein, um die Königin zu besuchen. Das Mädchen trank wieder an der Brust der Amme und war wieder zu Kräften gekommen. Die Amme brachte der Königin ein Geschenk: es war ein langes, buntes Tuch, wie es die Bauernfrauen hatten. Man konnte es zu einem Beutel formen und darin ein Kind fest an den Körper der Mutter binden. Dann gingen die beiden Frauen mit ihren Kindern im großen Garten des Schlosses spazieren. Die Königin hatte die Hände frei und konnte die Blumen pflücken und ihr Sohn war warm und behaglich bei ihr und fühlte sich wohl.

15.08.2009

Lureli

von Margarete Schebesch

Weit draußen im Weltraum, in einem unbekannten Sonnensystem, gab es einmal einen kleinen Planeten. Er hatte viele große Nachbarplaneten und es gab einen großen Schwarm von kleinen Felsbrocken in der Nähe. Auf dem Planeten wuchsen weite Wälder und Wiesen, die von hohen Gebirgen und tiefen Flüssen durchzogen wurden. Die Menschen, welche auf dem Planeten lebten, nannten ihn Waldland.

Die Menschen wohnten in großen Gemeinschaften zusammen und ernährten sich von den Früchten und Blättern der Pflanzen, welche auf Waldland wuchsen. Um den Pflanzen Zeit zu lassen, neue Früchte zu bilden, wanderten sie oft von einem Revier ins nächste. Auf der Wanderschaft wurden sie jedoch von vielen Gefahren bedroht. Neben pflanzenfressenden Tieren gab es auf Waldland nämlich auch welche, die andere Tiere fraßen und sogar Menschen angriffen. Die Menschen nannten diese Tiere Darags, was in ihrer Sprache "Gefährliches Raubtier" bedeutete. Es gab auch oft schwere Unwetter auf Waldland, denn der Planet war durch die Riesenplaneten in seiner Nachbarschaft großen Gezeitenkräften ausgesetzt. Und immer wieder regneten Felsbrocken aus dem Schwarm im Weltraum auf den Planeten.

In einer Gemeinschaft lebte eine Frau namens Wasabi. Sie hatte ein kleines Mädchen zur Welt gebracht, welches sie Lureli nannte. Das bedeutete in ihrer Sprache "Engel mit leuchtenden Haaren". Wasabi liebte das Baby sehr und trug es überall im Arm mit sich herum. Eines Tages wanderte die Gemeinschaft zu einem Ort, wo die Bäume wieder neue Früchte gebildet hatten. Sie waren schon sehr weit gewandert und Wasabi war müde. Ihre Arme schmerzten vom Tragen ihrer kleinen Tochter, welche wuchs und jeden Tag schwerer wurde. Als die Gemeinschaft sich auf einer Wiese mit hohem Gras niederließ um zu rasten, legte Wasabi ihre Tochter Lureli ins Gras und sich daneben. Sie ließ das Baby ihre Milch trinken und beide schliefen ein.

Plötzlich wurde Wasabi von einem lauten Knall wach. Die Menschen schrien durcheinander und Tiere rannten in wilder Flucht über die Wiese. Da hörte Wasabi auch schon einen weiteren Knall, und sah mehrere Feuerbälle vom Himmel fallen. Sie sprang auf und wollte Lureli auf den Arm nehmen, als jemand sie packte und mitriss.  Wasabi schrie und wehrte sich, aber der Mann, der sie fortgerissen hatte, ließ nicht locker, so das sie keine andere Wahl hatte, als weiter zu laufen. Sie liefen sehr lange und Wasabi merkte vor lauter Trauer und Schmerz über den Verlust ihrer Tochter nicht einmal, dass der Feuerregen aufgehört  hatte und die Gemeinschaft sich in einer Höhle in Sicherheit gebracht hatte. Sie starrte nur stumm vor sich hin und hatte alle Gefühle verloren. Da trat der Mann zu ihr, welcher sie mitgerissen hatte.
Es war ein Mann, der Wasabi besonders gern mochte. Er hieß Guril und hatte genau so leuchtende Haare wie Lureli. Er war nämlich Lurelis Vater. Er wusste nicht, dass Wasabi eine Tochter hatte und hatte sie mitgerissen, weil er sie vor dem Feuerregen retten wollte.

"Warum bist du so traurig?" fragte er Wasabi. Wasabi sah in nur verständnislos an.
"Habe ich dir weh getan als ich dich mitnahm, als wir vor dem Regen der brennenden Steine flohen?" fragte Guril besorgt. Da kehrten die Erinnerungen zu Wasabi zurück und sie begann zu weinen. "Ich habe Lureli zurück gelassen!" rief sie unter Tränen. "Meine schöne kleine Lureli! Jetzt kommt bestimmt ein Darag und verschleppt sie!"
"Wer ist Lureli?" fragte Guril erstaunt.
"Sie ist meine Tochter!" sagte Wasabi und brach weinend zusammen. "Was soll ich jetzt nur machen?"
Da dachte Guril nach und erkannte, dass Lureli auch seine Tochter sein musste. Tiefe Traurigkeit überkam ihn. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Plötzlich fühlte er, wie Wasabis Hand sich in seinen Arm krallte.
"Wir müssen sie suchen!" sagte sie. Ich werde sie nicht einfach dort lassen!"
Guril sah, dass Wasabi sehr mutig war und war sehr stolz auf sie. "Ich werde dir helfen" sagte er. "Wir gehen zurück zu der Wiese und schauen nach."

Hand in Hand gingen Wasabi und Guril aus der Höhle hinaus und schlugen den Weg zurück zu ihrem letzten Rastplatz ein. Überall waren die Spuren des Feuerregens zu sehen. An manchen Stellen brannte der Wald und auf den Wiesen gab es schwarze Stellen, wo das Gras verbrannt war. Die Menschen wussten, dass die Feuer bald von einem heftigen Gewitter gelöscht würden, welche immer bald nach einem Feuerregen folgten. Als Wasabi und Guril auf dem Rastplatz ankamen, sahen sie einen Darag darauf umherwandern. Voller Angst ließen die beiden sich ins hohe Gras fallen. Sie überlegten gerade, wie sie herausfinden konnten, ob Lureli noch lebte, als Wasabi plötzlich die Augen aufriss und die Ohren spitzte. Sie horchte aufmerksam und deutete dann mit der Hand in die Richtung, wo sie etwas gehört hatte: es war Lureli, die aus Leibeskräften schrie.
"Ich werde den Darag ablenken" sagte Guril. ”Ich werde so tun als ob ich verletzt sei, dann wird er mich angreifen wollen. Währenddessen holst du Lureli und läufst zurück zur Höhle."
Wasabi war einverstanden. Guril richtete sich auf und begann, langsam über die Wiese zu laufen, auf den Darag zu. Immer wieder ließ er sich ins Gras fallen, so als ob seine Beine ihn nicht mehr tragen würden. Der Darag wurde auf ihn aufmerksam und begann, ihn zu beobachten. Nun schlich Wasabi lautlos durch das hohe Gras, immer in die Richtung, aus der sie Lurelis Schreien gehört hatte. Je näher sie kam, desto lauter konnte sie das Schreien hören. Endlich hatte sie die Stelle erreicht. Da lag Lureli im Gras und schrie in größter Angst. Ihr kleines Gesicht war schon ganz rot geworden und ihre Schreie wurden vor Erschöpfung schon schwächer. Wasabi nahm sie in ihre Arme und drückte sie an sich. Sofort hörte Lureli auf zu schreien. Wasabi rannte los und versuchte, den Spuren der Flucht zu folgen. Als sie vor Erschöpfung langsamer wurde und ihre Arme von Lurelis Gewicht schmerzten, hörte sie hinter sich ein leises, schnelles Trampeln. Sie sah sich um und erkannte Guril, der hinter ihr her lief. In der Ferne sah sie den Darag, welcher ihn verfolgte. Gleichzeitig hörte sie ein entferntes Donnern und sah, wie der Himmel hinter ihr sich verdunkelte. Das Unwetter nahte.
"Komm weiter," rief Guril.
"Ich kann nicht mehr," rief Wasabi. "Meine Arme sind schon ganz taub, ich kann Lureli nicht mehr weiter tragen."
"Ich werde sie tragen" sagte Guril ausser Atem und nahm ihr Lureli ab. So liefen sie beide weiter, bis sie zu der Höhle kamen, in welcher die Gemeinschaft Schutz gesucht hatte. Sie liefen schnell hinein und riefen die anderen Menschen um Hilfe. Sogleich kam eine Gruppe herausgelaufen um den Darag zu vertreiben. Er war sehr hartnäckig und wollte nicht weglaufen, aber als das Unwetter begann und lauter Donner, heftiger Regen und hellgleißende Blitze über die Wiese fegten, suchte er das Weite.

Als sie in Sicherheit waren und verschnaufen konnten, dachte Guril nach. Dann sagte er zu Wasabi: "Wir müssen uns etwas überlegen, damit wir Lureli immer mitnehmen können. Wenn wir sie auf den Armen tragen, sind wir zu langsam und ermüden zu schnell."
Als das Gewitter vorbei war, stand er auf und ging hinaus auf die Wiese. Dort suchte er sich lange Grashalme und weiche Blätter und flocht daraus eine Tasche. Er flocht auch zwei Bänder dran, womit man die Tasche am Rücken befestigen konnte. In die Tasche legte er ein Kissen aus weichem, trockenen Gras, und darauf legte er Lureli. Dann band er sich die Tasche fest an den Rücken und versuchte, damit zu laufen. Es ging sehr gut und er war sehr schnell damit.

Wasabi freute sich und probierte die Tasche auch aus. Auch sie konnte damit Lureli viel einfacher tragen. Sie konnte sogar mit der Tasche schlafen, wenn sie sich Lureli auf den Bauch band. So brauchte sie nicht mehr zu befürchten, dass sie Lureli zurücklassen musste.

Die anderen Menschen der Gemeinschaft kamen und betrachteten die Tasche. Sie probierten sie aus und legten ihre eigenen kleinen Kinder hinein. Dann ließen sie sich von Guril zeigen, wie er die Tasche gemacht hatte. Bald begannen auch andere, die Taschen zu flechten. Manche machten kleine Veränderungen daran und verbesserten sie so immer mehr. Manche fanden besondere Grashalme, welche sich sehr gut flechten ließen. Manche nahmen die Felle von verendeten Tieren, die sie fanden, und machten eine Tasche daraus.  Bald gab es für jedes kleine Kind in der Gemeinschaft eine Tasche.

Die brennenden Steine fielen zwar immer wieder aus heiterem Himmel auf den Planeten, aber die Menschen lernten mit der Zeit, vorauszusehen, wann es soweit war. Sie trugen ihre kleinen Kinder an ihrem Körper und konnten sich auf diese Weise schnell in Sicherheit bringen. Auch der Darag musste sich nach einiger Zeit ein anderes Revier suchen, denn es gelang im nie wieder, ein Mitglied der Gemeinschaft zu fangen.

22.08.2008

The Game

by Margarete Schebesch 

Today is a big day, says Mommy. Today I will be six months old, that ist exactly as much as half a year. This is why today we are going to do something special, says Mommy. We will play a new food game. Well, for Mommy and Daddy this is not as new a game, because they are playing it a lot. They play this food game several times every day and they seem to enjoy it, because they talk and laugh while playing. Unfortunately I could not join them until now, although I watched them attentively and told them that I would like to join in. But today the time has come; today I can finally play.

In the morning Mommy worked a long time in the kitchen cooking. First she cooked for herself and Daddy. Then she cooked for me, she told me. She held me on her hip so I could see what she was doing. She chopped and boiled some beautyfully colloured fruit. When the fruit was cooked, the beautifull colours were gone and it looked slobbery. She poured it into that noisy machine which stands on the window sill. The machine made a horrible noise and mashed the fruit. When it stopped, a brown porridge came out. Mommy showed it to me proudly and said that it's for me. I don't know exactly what that means but the brown porridge looked very interesting to me. I would have liked to mash it with my fingers. Sometimes such a brown porridge comes out of me. But Mommy never lets me mash it with my fingers. Perhaps I can play with this new porridge today, who knows?

Usually I drink much of Mommy's milk. It is so good for me. I can drink as much as I want and whenever I want, even while Mommy is sleeping. She holds me in her arms and I feel warm and sleepy. Often I fall asleep when I'm finished and later I awake together with Mommy in our bed.

But today it's different. Mommy is somehow not herself. She is agitated and I cannot concentrate on drinking her milk. I would like so much to close my eyes and fall asleep, but Mommy takes her breast out of my mouth, sits me upright and says that now it's time for lunch.

I am happy because Mommy brings the brown porridge. She says that it should have cooled by now and she puts it in front of me. I am happy that Mommy guessed my wish as she always does, and I plunge my hands into it. But Mommy holds my hands tight and cleans them. She takes the brown porridge away so that I cannot reach it. Then she brings another colourful toy and I hope that I can play with it. Perhaps I can reach the brown porridge using it. But Mommy does not give it to me. She puts the toy in the brown porridge herself and then she comes close to my face with it. She opens her mouth wide and I copy her because I think she will know how to play the game.

Suddenly I feel something strange in my mouth. It tastes sweet, but completely different than Mommy's milk. It must be the brown porridge. I don't want to have anything in my mouth that tastes differnt from Mommy's milk. Mommy must have made a mistake. Obviously she does not know how to play the game correctly. I want to tell her, but the brown porridge in my mouth stops me. I push it out with my tongue. Mommy comes back with that toy again and takes the brown porridge. I am relieved that Mommy has seen that something is not right. I am happy and I laugh - an then the brown porridge is in my mouth again. It seems Mommy has not understood. I want to tell her that I don't want to have the brown porridge in my mouth. I push it out, this time a little firmer, and it falls on the table cloth. I tell Mommy that I would rather like to drink her milk and fall asleep. But she becomes sad and takes the brown porridge away.

Today is a new day. Yesterday I thought I could join the game Mommy and Daddy were playing, but Mommy forgot about it. Instead she played another game with me, wich I did not like. She brought a brown porridge which I would have liked to play with, but Mommy did not allow. I drank a lot of Mommys milk afterwards and now the misunderstanding is almost forgotten.

Today Mommy did not cook, but we played together and went out for a walk. Now we are at home again and I will drink Mommy's milk in a little while. I'm looking forward to that. But Mommy does not take me in her arm. Instead she sits me in a strange thing I can't get out of. And then there is the brown porridge in front of me again!

Perhaps Mommy forgot that I want to drink her milk. Or I did not tell her clearly enough. But perhaps I can play with the brown porridge this time. I think I can drink Mommy's milk afterwards, and wake up with her in our bed. The plate is too far from me. Mommy removes the table cloth and brings the other toy again. Then the brown porridge moves closer. Mommy opens her mouth wide. I want to tell her that I know this game already, and I don't like it, and that I would rather prefer to drink her milk. But the brown porridge is in my mouth already. Mommy keeps the toy in my mouth and I cannot push the porridge out with my tongue. I move it back and forth and than somehow it goes away. I choke terribly and it feels unpleasant, and I feel that something is wrong. But Mommy is happy and takes some more of the brown porridge with the toy.

Mommy manages to let the brown porridge disappear in my mouth several times. Then I lose my patience and tell her clearly that I want to drink her milk now. Fortunately Mommy understands and I can drink her milk. She is pleased and says that we have come a great step closer today. I don't understand exactly what that means, as she doesn't seem to have realised how to play the game with the brown porridge correctly.

Today is a new day. I feel strange. There is something going on in my belly and sometimes it hurts. I tell Mommy that it hurts and she lets me drink her milk. Also, when the other porridge comes out of me, it feels odd. It hurts when it comes out and Mommy is puzzled and says, it smells bad. I don't know why. I drink a lot of Mommy's milk and slowly my belly starts feeling better.

Eventually, Mommy sits me into this strange thing I cannot get out of. There is the brown porridge again and Mommy wants to play. But today I don't want to play. I don't like this game. I tell Mommy, but she puts the toy into the porridge and comes closer with it. I close my mouth firmly and try not to look at Mommy. I gaze somewhere else so that I don't have to open my mouth when I watch her. Mommy acts strangely. I hear familiar words like grandma and grandpa but I don't see either of them. Then Mommy waves about with the toy and moves to and fro. But I don't open my mouth. Mommy becomes angry and tries to open my mouth with her hands. I tell her to stop and that I want to drink her milk now. When I feel the brown porridge in my mouth, I push it out quickly and it runs down my chin, onto Mommy's hand, that still holds the toy there.

I don't know what to do. I think Mommy does not understand what I am trying to tell her. Perhaps she does not love me any more. Perhaps she only loves me if I play this game with her. Why can't I simply drink her milk and wake up with her in our bed? I don't want to play any longer now, I don't feel like playing. I am hungry, I want to drink Mommy's milk.

I open my mouth and let Mommy put the brown porridge in. I found out how to make it go away. I let some of the porridge go away and l gaze at Mommy lovingly. She is happy and then I can drink her milk.

Today is a new day. A few days have passed since we started to play with the brown porridge every day. Mommy seems to like this game since she does not want to stop, although I told her that I don't like to play any longer. If I don't play, I'm not allowed to drink her milk. Then my belly feels emty and I feel alone because I think that Mommy does not love me. So I play with her, because I can drink her milk afterwards. However, yesterday I was not allowed to drink Mommy's milk after we played with the brown porridge. Mommy took me in her arms and was happy that I had eaten all the brown porridge from the plate.

I felt tired and fell asleep. When I woke up, my belly felt even worse than before. It hurt and it seemed that a lot of the other porridge came out of me. Everything was wet and my skin itched terribly. I could not scratch because my skin was covered where it itched. I told Mommy that it hurts and she came and took the other porridge away and I could drink her milk.

Today is a new day. My belly still hurts. I drank a lot of Mommy's milk, but it did not help. I feel weak and I only want to be in Mommy's arms. She is agitated and rocks me back and forth as I drink her milk. Then we drive to a nice lady who presses my belly with her hands. That feels good. Mommy talks to that lady and then she cries. The nice lady talks to her calmly and smiles at me. As we come home I can drink Mommy's milk again. I am surprised because it was the time she used to play that game with me. Could she have forgotten? I notice that I feel better and then I awake with Mommy in our bed.

Today is a new day. I'm sitting in this thing I can't get out from with the brown porridge in front. I tell Mommy that I don't want to play with the porridge. Mommy says nothing, but she puts the plate closer to me, so that I can reach it with my hands. I think she wants me to play with it. I take some with my hands. I feels good, soft. I can stir it with my fingers and let it drop. I can decorate the thing I'm sitting in. It's fun.

Eventually the plate is empty and Mommy looks at me. She smiles but I can see something glistening in her eyes. She takes me out of the thing and I can drink her milk. She holds me in her arms and hugs me tight. I drink a lot of milk and later I wake up with Mommy in our bed.

Today is a new day. I feel great. I drank Mommy's milk all night long. When the other porridge comes out of me it feels like before we started to play the game with the brown porridge. Mommy is lovely. She works a little in the kitchen and then I drink her milk while she is playing that game which she usually plays together with daddy. But today it's different. Today I can join in. I can put my hands onto her plate and touch everything. I see interesting things. When I lick the food, I can feel how it tastes in my mouth. At last Mommy has understood. She cuddles me and says that we are through now. I don't know exactly what that means. But I am happy that I can play with Mommy and Daddy at last.

Today is a new day. A few days have passed since we saw that nice lady who pressed on my belly. I drink Mommy's milk every day and the brown porridge did not appear again. I also play the food game every day together with Mommy and Daddy. Sometimes some things from their plates end up in my mouth. Sometimes I even choke a little but it's not as bad as with the brown porridge. Mommy is pleased and I can drink a lot of her milk. I am so glad that Mommy understands me. The thing I couldn't get out of did not appear again either. I now sit on Mommy's or Daddy's lap and we talk, laugh, and play together, every day.

Margarete Schebesch

Die anspruchsvolle Prinzessin

von Margarete Schebesch

Es war einmal ein König, der lebte mit seiner Königin in einem weit entfernten Land. Sie waren sehr reich und wohnten in einem riesigen Palast. Dort gab es hundert Zimmer, eines schöner und prachtvoller als das andere. Im Palast wohnten auch viele Bedienstete, welche ihn sauber hielten, die Pferde in den Ställen versorgten, den Garten bestellten und sich vor allem um das Königspaar kümmerten. Der König und die Königen hatten also alles, was sie brauchten. Trotzdem waren sie beide oft traurig, denn sie wünschten sich sehnlichst ein Kind, und das war das einzige, was sie nicht bekamen.

Eines Tages kam eine alte Frau in den Palast und wollte mit dem König sprechen. Der König war trotz seines Reichtums gutmütig und großherzig und empfing die alte Frau. Sie erzählte ihm, sie sei eine Wahrsagerin und wisse, dass die Königin in genau einem Jahr ein Kind bekommen werde.

Der König war sehr erfreut und schöpfte neue Hoffnung. Er ließ die Königin rufen um ihr gleich zu erzählen, was er erfahren hatte, und die Königin freute sich noch mehr. Beide wollten sie die alte Frau für diese gute Nachricht belohnen. Sie ließen eine Truhe voller Gold und Edelsteine bringen um sie der Frau zu schenken, aber diese sagte:
„Ich will kein Gold und keine Edelsteine, denn ich habe nichts getan, womit ich das verdient hätte. Ich bin nur eine alte Frau, die geträumt hat, dass die Königin ein Kind bekommen wird.“
„Aber wir freuen uns doch so sehr und möchten uns irgendwie bei dir bedanken,“ sagte der König. „Willst du vielleicht etwas anderes haben, ein Haus vielleicht oder ein Stück Land?“
Da lachte die alte Frau und sagte: „Oh nein, ich habe alles, was ich brauche, lieber König. Aber ich möchte dir noch eines sagen: dieses Kind, welches ihr bekommen werdet, ist ein wahres Königskind. Es wird sehr, sehr anspruchsvoll sein, und deshalb muss man ihm alles geben, was es will, sonst wird es unglücklich.“
„Oh, ich glaube, das sollte nicht so schwer sein,“ sagte der König. Wir haben einen riesengroßen Palast mit hundert Zimmern, unsere Schatzkammer ist voller Gold und Edelsteine und es stehen hunderte von Bediensteten bereit, um dem Kind jeden Wunsch zu erfüllen.“
„Das glaube ich dir,“ sagte die alte Frau. „Aber versprich mir eines. Wenn du feststellst, dass alles, was du deinem Kind zu geben vermagst, nicht genug ist, versuche herauszufinden, was es wirklich braucht. Frage alle Menschen in deinem Palast und lasse auch nicht den geringsten aus. Wenn du mir dieses Versprechen gibst, kann ich zufrieden meiner Wege gehen.“
Der König wunderte sich ein wenig über diesen seltsamen Rat, aber er versprach der Frau ehrlich, sein bestes zu tun um sein Kind glücklich zu machen.

Nun begann eine Zeit großer Geschäftigkeit im Palast. Es wurde gebaut und renoviert,  neue Teppiche und neue Möbel wurden gebracht, goldene Lampen und wunderschöne Bilder wurden aufgehängt und an die Fenster kamen neue Vorhänge aus Samt und Seide. Für das Königskind wurde ein großes Zimmer hergerichtet, in dem ein goldenes Bettchen stand, mit Bettwäsche aus den weichsten Federn und einem silbernen Glöckchenspiel darüber. Die geschicktesten Handwerker fertigten das schönste Spielzeug, das sich ein Kind nur wünschen konnte. Die angesehensten Schneider nähten die prächtigsten Kleider für das Kind und der König bestellte die berühmtesten Köche in den Palast, damit sie das feinste Essen für das Kind kochen sollten.

Nach einem Jahr brachte die Königin ein wunderschönes Mädchen zur Welt, welches den Namen Augustine bekam. Der König war entzückt und konnte sich gar nicht an seinem Töchterchen satt sehen. Weil er wusste, dass Augustine ein sehr anspruchsvolles Kind war, brachte er es sogleich in das große Kinderzimmer, welches schon vorbereitet war. Die weiche Bettwäsche in dem goldenen Bettchen war schon angewärmt worden, das Glöckchenspiel erklang und spielte eine hübsche Melodie, und überall im Zimmer lagen die zierlichsten Puppen bereit. Der König zeigte Augustine das schöne Spielzeug und legte sie dann in das goldene Bettchen.

Aber wie groß war sein Erstaunen, als Augustine sofort anfing, zu weinen, sobald er sie hingelegt hatte! Der König bekam Angst, und wusste nicht, was er tun sollte. Da erinnerte er sich an die prächtigen Kleider, die er hatte fertigen lassen, und an die Köche, die bereit standen, um das Essen für die Prinzessin zu kochen. Er schickte nach den Kleidern und ließ eine Kammerfrau kommen, welche die Prinzessin anziehen sollte. Dann bestellte er den besten Koch zu sich und sagte ihm, er solle die feinste und erlesenste Speise kochen, die er kenne.

Die Kammerfrau und der Koch machten sich gleich an die Arbeit. Als Augustine mit einem prächtigen Kleidchen angezogen war, kam der Koch und brachte persönlich die Speise für die Prinzessin herein. Die Kammerfrau versuchte, Augustine mit einem goldenen Löffel zu füttern, aber die Prinzessin weinte wieder. Sie wollte nichts von dem erlesenen Essen haben und stieß mit ihren Ärmchen und Beinchen die Kammerfrau weg. Diese legte sie in das goldene Bettchen und klagte, dass sie nicht mehr weiter wisse.

Der König wurde sehr traurig und lief aus dem prächtigen Kinderzimmer hinaus, denn das Weinen seiner Tochter tat ihm weh. Er ging zur Königin und sie überlegten beide, was sie noch tun könnten um Augustine glücklich zu machen. Sie berieten sehr lange, und dann erinnerten sie sich an den Rat der alten Frau. Schweren Herzens ließ der König einen nach dem anderen Bediensteten aus dem Palast kommen, bis keiner mehr übrig war.

Die Menschen gaben dem König verschiedene Ratschläge. Einer meinte, dass die Prinzessin vielleicht müde sei, und empfahl, dass ein Orchester zu rufen sei, welches ihr ein Schlaflied spielen solle. Der König schickte sofort nach seinem Hoforchester, aber sobald die Musiker anfingen, zu spielen, schrie Augustine vor Angst noch lauter als zuvor.

Ein anderer Bediensteter meinte, dass der Prinzessin vielleicht langweilig sei, und empfahl, dass die Hofnarren und Spielleute des Palastes sie unterhalten sollten. Auch diesmal ließ der König sofort alle Hofnarren und Schauspieler kommen, aber Augustine weinte trotz der lustigen Scherze, die sie vorführten, immer weiter.

So fragte der König ein Mitglied des Hofes nach dem anderen aus, aber nichts, was er probierte, konnte Augustine trösten. Als er alle Menschen befragt hatte, die im Palast wohnten, wollte er aufgeben. Er wurde wütend und glaubte, die alte Frau sei eine Hexe gewesen, die seine Tochter verflucht hätte. Die Königin rang verzweifelt die Hände und weinte. „Gibt es wirklich niemanden mehr, den wir fragen können?“ rief sie unter Tränen. Da trat ein Stallbursche vor.
„Es gibt da noch einen kleinen Kerl, der die Schafe hütet,“ sagte er, „aber er ist draussen auf der Weide.“
„Holt ihn sofort“! rief der König ausser sich. Sogleich lief der Stallbursche los um den Schafhirten zu holen. Als sie zurück kamen, sah der König, dass der Schafhirte ein kleiner Junge war, welcher furchtbare Angst hatte. Da wurde sein Herz weich und er sagte freundlich:
„Hab keine Angst, mein Junge, ich möchte nur mit dir sprechen. Schau mal, unsere kleine Augustine ist ein sehr anspruchsvolles Mädchen. Sie muss alles bekommen, was sie will, sonst ist sie unglücklich. Sie weint schon so lange und wir wissen nicht mehr weiter. Wir haben ihr die schönsten Kleider und das feinste Essen gegeben, aber es war nicht richtig. Was ist deine Meinung?“

Der kleine Junge schaute sich schüchtern um und sah, dass aller Augen auf ihn gerichtet waren. Aber dann wurde sein Blick ein wenig verwundert. „Also...“ begann er, „ich habe eine kleine Schwester zu Hause. Manchmal weint sie, dann nimmt meine Mutter sie in den Arm. Wenn sie weiter weint, dann lässt meine Mutter sie von ihrer Brust trinken. Und wenn sie dann immer noch weint, dann singt meine Mutter ihr ein Lied. Manchmal macht sie auch alles gleichzeitig. Und irgenwann ist meine Schwester dann still.“
Der König schaute den kleinen Jungen ungläubig an. „Deine Mutter?!“ sagte er dann. „Das ist alles, was sie tut?“
Der Junge nickte. Da stand der König auf, ging zu dem Jungen und umarmte ihn. „Danke, mein Junge!“ sagte er, dabei flossen Tränen über des Königs Wangen. Dann nahm er die Königin bei der Hand und sie liefen schnell in das große Zimmer, wo die kleine Augustine noch immer von der Kammerfrau bewacht wurde und weinte. Die Königin hob die Prinzessin aus dem Bettchen heraus und legte sie an ihre Brust. Sie drückte ihre Tochter an sich und wiegte sie. Die kleine Augustine begann zu trinken und hörte auf zu weinen.

Am nächsten Tag musste der kleine Junge wieder kommen. Der König bat ihn, die Königin zu seiner Mutter zu führen. Und nachdem die Königin mit der Mutter des Schafhirten gesprochen hatte, schenkte der König all das Spielzeug aus dem prächtigen Kinderzimmer dem kleinen Jungen und seinen Geschwistern. Das goldene Bettchen wurde in die Schatzkammer zu dem anderen Gold gestellt und die Köche wurden wieder entlassen. Nur die Schneider durften noch nicht gehen, denn sie mussten noch einmal arbeiten. Sie mussten nämlich alle Kleider der Königin ändern, so dass sie sich vorne öffnen ließen.

07.02.2009

Das Spiel

von Margarete Schebesch 

Heute aber, heute ist ein großer Tag, sagt Mama. Heute werde ich nämlich sechs Monate alt, das ist genau so viel wie ein halbes Jahr. Ich habe also heute so etwas wie einen halben Geburtstag. Deshalb machen wir heute auch etwas ganz besonderes, sagt Mama. Wir spielen ein neues Spiel. Na ja, für Mama und Papa ist es eigentlich kein neues Spiel, denn sie spielen es schon immer, seit ich denken kann. Sie spielen es jeden Tag mehrmals und es scheint großen Spaß zu machen, denn sie reden dabei und lachen. Leider durfte ich bis jetzt nicht mitspielen, obwohl ich ihnen ganz aufmerksam zugeschaut habe und ihnen sagte, dass ich auch gerne mitspielen möchte. Aber heute ist es endlich soweit, sagt Mama. Heute darf ich mitmachen.

Am Vormittag war Mama ganz lange in der Küche und hat gekocht. Zuerst kochte sie für sich und Papa, dann habe sie für mich gekocht, sagt sie. Ich saß auf ihrer Hüfte und konnte sehen, was sie machte. Sie nahm schöne bunte Früchte und zerschnitt sie ganz klein. Dann warf sie alles in einen Topf mit kochendem Wasser. Als sie die Früchte wieder herausnahm, waren sie gar nicht mehr bunt, sondern blass und matschig. Dann gab sie die matschigen Früchte in das laute Gerät, welches immer auf dem Fensterbrett steht. Die Maschine machte viel Lärm und die Früchte wurden darin verwirbelt. Als die Maschine fertig war, kam ein brauner Brei heraus. Mama zeigte ihn mir ganz stolz und sagte, das würde ich also heute essen. Ich wusste nicht genau, was das heißt, aber der braune Brei sah sehr interessant aus. Ich hatte große Lust, mit meinen Fingern darin zu wühlen. Manchmal kommt aus mir auch solch ein Brei heraus, aber Mama lässt mich niemals mit den Fingern darin wühlen. Vielleicht darf ich ja heute mit diesem neuen Brei spielen, wer weiß?

Nun habe ich ganz viel Milch bei Mama getrunken. Sie tut mir so gut, Mamas Milch. Ich kann trinken so viel ich möchte und wann immer ich will, sogar wenn Mama schläft. Und ich bin dann auch immer ganz nahe bei Mama. Sie hält mich in Ihren Armen und mir ist dann ganz wohlig warm und ich werde schläfrig. Oft fallen mir dann die Augen zu wenn ich fertig bin und später erwache ich dann zusammen mit Mama in unserem Bett. Aber heute ist es anders. Mama ist irgendwie nicht bei der Sache. Sie rutscht ganz ungeduldig hin und her und ich kann mich gar nicht richtig aufs Trinken konzentrieren. Ich möchte so gerne die Augen schließen und einschlafen, aber Mama nimmt mir die Brust aus dem Mund und setzt mich auf und sagt, jetzt sei es Zeit für das Mittagessen.

Ich freue mich schon, denn Mama holt den braunen Brei hervor. Sie sagt, nun sei er abgekühlt und stellt ihn vor mich hin. Ich freue mich, dass Mama so wie immer meine Wünsche erraten hat und stecke sofort meine Hände hinein. Aber Mama hält meine Hände fest und macht sie sauber. Sie stellt den braunen Brei wieder weg, so dass ich ihn nicht erreichen kann. Dann holt sie ein anderes Spielzeug. Es ist ganz bunt und ich hoffe, dass ich damit spielen darf. Vielleicht kann ich ja damit bis zu dem Teller mit dem Brei reichen. Aber Mama gibt es mir nicht. Sie steckt das Spielzeug selber in den braunen Brei und kommt dann ganz nahe an mein Gesicht damit. Sie macht den Mund weit auf. Ich mache es nach, denn sie muss ja wissen, wie das Spiel geht.

Plötzlich fühle ich etwas Fremdes in meinem Mund. Es schmeckt süß, aber ganz anders als Mamas Milch. Es muss der braune Brei sein. Ich will nichts im Mund haben was anders schmeckt als Mamas Milch. Mama muss sich da vertan haben, sie kennt das Spiel offenbar nicht richtig. Ich will es ihr sagen, aber der braune Brei in meinem Mund hindert mich daran. Deshalb schiebe ich ihn mit der Zunge wieder hinaus. Mama kommt wieder mit dem Spielzeug und nimmt den braunen Brei damit auf. Ich bin erleichtert und weiß, dass Mama jetzt gemerkt hat, dass irgend etwas falsch ist. Ich freue mich und lache - und da ist der braune Brei wieder in meinem Mund. Mama hat es anscheinend doch nicht begriffen. Ich will ihr sagen, dass ich den braunen Brei nicht im Mund haben will. Ich will ihre Milch trinken. Ich schiebe den Brei wieder heraus, diesmal etwas heftiger, und er landet auf dem Tischtuch. Ich sage Mama, dass ich lieber ihre Milch trinken und einschlafen möchte. Aber sie macht ein trauriges Gesicht und räumt den Teller mit dem braunen Brei weg.

Heute ist ein neuer Tag. Gestern hatte ich gehofft, dass ich bei Papas und Mamas Spiel mitspielen dürfe, aber Mama hat es vergessen. Statt dessen spielte sie ein anderes Spiel mit mir, welches mir aber nicht gefiel. Es gab einen braunen Brei, mit dem ich zwar gerne gespielt hätte, aber Mama erlaubte es nicht. Nun habe ich aber wieder ganz viel Milch bei Mama getrunken und das Missverständnis von gestern ist fast vergessen. Heute hat Mama auch nicht mehr gekocht, sondern wir haben viel zusammen gespielt und sind spazieren gegangen. Nun sind wir wieder zu Hause und ich werde gleich noch mehr Milch bei Mama trinken. Ich freue mich schon darauf. Aber Mama nimmt mich nicht in den Arm, sondern sie setzt mich in ein seltsames Ding hinein, aus dem ich nicht heraus kann. Und dann steht plötzlich der Teller mit dem braunen Brei wieder vor mir!

Vielleicht hat Mama ja vergessen, dass ich Milch trinken wollte. Oder ich habe es ihr nicht deutlich genug gesagt. Aber vielleicht darf ich ja diesmal mit dem braunen Brei spielen. Danach kann ich bestimmt noch bei Mama Milch trinken und mit ihr im großen Bett aufwachen. Der Teller steht nicht nahe genug bei mir. Mama nimmt das Tischtuch weg und bringt wieder das andere Spielzeug. Dann kommt der braune Brei wieder näher. Mama macht den Mund ganz weit auf. Ich will ihr sagen, dass ich dieses Spiel schon kenne und dass es mir nicht gefällt, dass ich lieber Milch trinken möchte. Aber schon ist der braune Brei wieder in meinem Mund. Mama hält das Spielzeug darin und ich kann den Brei nicht mehr mit der Zuge hinausschieben. Ich schiebe ihn mit der Zunge im Mund hin und her und dann ist er irgendwie weg. Ich muss fürchterlich würgen, das ist ganz unangenehm, und ich fühle dass irgendetwas falsch ist. Aber Mama freut sich und steckt das Spielzeug wieder in den Brei.

Mama schafft es, den Brei noch einige Male in meinem Mund verschwinden zu lassen. Dann habe ich keine Geduld mehr und sage ihr ganz deutlich, dass ich jetzt Milch trinken möchte. Glücklicherweise versteht sie mich und ich kann bei ihr Milch trinken. Sie freut sich und sagt, dass wir heute einen großen Schritt weiter gekommen seien. Ich verstehe das nicht ganz, denn sie scheint immer noch nicht erkannt zu haben, wie man das Spiel mit dem braunen Brei spielt.

Heute ist ein neuer Tag. Ich fühle mich ganz seltsam. In meinem Bauch rumort es und manchmal habe ich auch drückende Schmerzen. Ich sage Mama, dass es mir weh tut und sie lässt mich Milch trinken. Auch wenn der andere Brei aus mir herauskommt, fühlt es sich komisch an. Es tut weh, wenn er herauskommt und Mama ist ganz verwundert und sagt, er riecht schlecht. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich trinke ganz viel Milch bei Mama und langsam fühlt sich mein Bauch wieder wie sonst an.

Irgendwann setzt mich Mama wieder in dieses seltsame Ding aus dem ich nicht heraus kann. Der braune Brei ist wieder da und Mama will wieder spielen. Aber heute möchte ich nicht mehr spielen. Dieses Spiel gefällt mir nicht. Ich sage es Mama, aber sie steckt das Spielzeug in den Brei und kommt damit immer näher. Ich mache den Mund ganz fest zu und versuche, sie dabei nicht anzuschauen. Ich schaue weg, damit ich den Mund nicht aufmachen muss wenn ich ihr zusehe. Mama verhält sich ganz seltsam. Ich höre bekannte Wörter wie Oma und Opa, aber ich sehe Oma und Opa nicht. Dann fuchtelt Mama mit dem Spielzeug voller Brei vor meinem Gesicht herum, kommt mal näher und dann weiter weg. Aber ich mache den Mund nicht auf. Mama wird böse und versucht, meinen Mund mit ihren Händen zu öffnen. Ich sage ihr, dass ich das nicht will und dass ich jetzt bei ihr Milch trinken möchte. Als ich den braunen Brei in meinem Mund spüre, drücke ich ihn ganz schnell wieder heraus und er läuft auf meinem Kinn hinunter, auf Mamas Hand, die das Spielzeug noch dort hält.

Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich glaube, Mama versteht nicht mehr, was ich ihr sage. Vielleicht hat sie mich nicht mehr lieb. Vielleicht hat sie mich nur lieb, wenn ich dieses Spiel mit ihr spiele. Warum kann ich nicht einfach ihre Milch trinken und mit ihr zusammen in unserem Bett aufwachen? Ich will jetzt nicht mehr spielen. Ich habe keine Lust mehr. Ich habe Hunger, ich will jetzt Mamas Milch trinken. Ich mache den Mund auf und lasse Mama den braunen Brei hineinschütten. Inzwischen habe ich heraus, wie ich ihn verschwinden lassen kann. Ich lasse schnell einiges von dem Brei verschwinden und schaue Mama ganz lieb an. Sie freut sich und dann darf ich wieder ihre Milch trinken.

Heute ist ein neuer Tag. Es sind einige Tage vergangen seit Mama begonnen hat, jeden Tag mit dem braunen Brei zu spielen. Das Spiel scheint ihr Spaß zu machen, denn sie will nicht damit aufhören, obwohl ich ihr gesagt habe, dass ich es nicht mehr spielen möchte. Wenn ich nicht mitspiele, darf ich keine Milch bei ihr trinken. Dann fühlt sich mein Bauch ganz leer an und ich fühle mich ganz einsam, denn ich glaube, Mama hat mich dann nicht lieb. Deshalb spiele ich mit, weil ich dann wieder Mamas Milch trinken kann. Aber gestern durfte ich nach dem Spiel mit dem braunen Brei nicht bei Mama Milch trinken. Sie nahm mich in den Arm und freute sich, dass der ganze Teller voller braunem Brei in meinem Mund verschwunden war. Ich wurde ganz müde und schlief ein. Als ich wach wurde, fühlte sich mein Bauch noch viel schlimmer an als bisher. Es tat weh und ich fühlte, dass ganz viel von dem anderen Brei aus mir herauskam. Es fühlte sich alles ganz nass an und meine Haut juckte fürchterlich. Ich konnte aber nicht kratzen, denn dort wo es juckte, war alles bedeckt. Ich sagte Mama, dass es mir weh tut und sie kam und nahm den anderen Brei weg und ich konnte ihre Milch trinken.

Heute ist ein neuer Tag. Mein Bauch tut immer noch weh. Ich habe ganz viel von Mamas Milch getrunken, aber es hat nicht geholfen. Ich fühle mich ganz schwach und möchte nur bei Mama im Arm liegen. Sie ist ganz aufgeregt und wiegt mich hin und her, während ich ihre Milch trinke. Dann fahren wir zu einer fremden Frau, die auf meinem Bauch herumdrückt. Das fühlt sich gut an. Mama spricht mit der Frau und dann weint sie. Aber die Frau spricht ruhig mit ihr und lächelt mich an. Als wir wieder zu Hause sind, kann ich wieder Mamas Milch trinken. Ich bin ganz überrascht, weil ja sie ja eigentlich wieder mit mir spielen sollte. Ob sie das Spiel heute vergessen hat? Ich merke, dass ich mich besser fühle und dann erwache ich wieder mit Mama in unserem Bett.

Heute ist ein neuer Tag. Ich sitze wieder in diesem Ding, aus dem ich nicht heraus kann. Vor mir steht der Teller mit dem braunen Brei. Ich sage Mama, dass ich nicht mehr mit dem Brei spielen möchte. Mama sagt nichts, aber sie stellt den Teller so hin, dass ich ihn mit meinen Händen erreichen kann. Ich glaube, sie möchte, dass ich mit dem braunen Brei spiele. Ich nehme ein wenig davon in meine Hände. Er fühlt sich gut an, ganz weich. Ich kann ihn mit den Händen verrühren und ihn aus den Händen tropfen lassen. Ich kann damit auch das Ding, wo ich drin sitze, verzieren. Es macht Spaß. Irgendwann ist der Teller leer und Mama sieht mich an. Sie lächelt, aber in ihren Augen sehe ich etwas glitzerndes. Sie nimmt mich aus dem Ding heraus und ich kann ihre Milch trinken. Sie hält mich im Arm und drückt mich ganz fest an sich. Ich trinke ganz viel Milch und später wache ich mit ihr in unserem Bett auf.

Heute ist ein neuer Tag. Ich fühle mich großartig. Ich habe fast die ganze Nacht Mamas Milch getrunken und wenn der andere Brei aus mir herauskommt, fühlt es sich an wie damals, bevor wir anfingen, mit dem braunen Brei zu spielen. Mama ist ganz lieb zu mir. Sie richtet ein wenig in der Küche und dann trinke ich ihre Milch während sie jenes Spiel spielt, welches sie immer mit Papa zusammen spielt. Aber heute ist es anders. Heute darf ich mitspielen. Ich kann die Hände in ihren Teller tun und alles anfassen. Es sind ganz unterschiedliche Sachen. Wenn ich daran lecke, kann ich feststellen, wie sie sich im Mund anfühlen. Endlich hat Mama verstanden. Mama streichelt mich und sagt, dass wir es hinter uns haben. Ich verstehe nicht ganz, was sie damit meint. Aber ich freue mich, dass ich endlich mit Mama und Papa mitspielen darf.

Heute ist ein neuer Tag. Es sind einige Tage vergangen seit wir bei dieser fremden Frau waren, die auf meinen Bauch drückte. Ich trinke jeden Tag Mamas Milch und der braune Brei ist nicht wieder aufgetaucht. Dafür spiele ich jeden Tag das Spiel mit Papa und Mama. Manchmal verschwinden einige Dinge von dem Teller, mit denen ich spiele. Und manchmal muss ich auch ein wenig würgen, aber es ist nicht so schlimm wie damals mit dem braunen Brei. Mama freut sich und ich kann ganz viel Milch bei ihr trinken. Ich bin so froh, dass Mama mich verstanden hat. Auch dieses Ding, aus dem ich nicht heraus kann, ist weg. Ich sitze jetzt immer bei Mama oder Papa im Arm und wir reden, lachen und spielen zusammen, jeden Tag.

(30.09.2006)