Beiträge

Interviews

Susanne Jungmann vom Geburtshaus Münster 

TMW: Ich spreche heute mit Susanne Jungmann, eine der Hebammen und Gründerinnen des Geburtshauses Münster. Susanne, erzähl uns doch bitte mal, wann wurde das Geburtshaus Münster gegründet, warum habt ihr euch entschlossen, es zu gründen und wehr gehört zu eurem Team?

SJ: Hallo Margarete. Gegründet haben wir das Geburtshaus vor 5 Jahren im Dezember 1999. Zu dem Gründerteam von 12 Frauen gehörten auch wir Hebammen. Wir sind vier freiberufliche Hebammen, die wir das Geburtshaus mit gegründet haben. Warum haben wir das Geburtshaus gegründet? Weil wir Frauen die Möglichkeit geben möchten, in einem geschützten Raum in vertrauensvoller Umgebung ihr Kind gebären zu können.

Es gibt Frauen, die für sich Alternativen suchen und die sich nicht vorstellen können, bei einer gesund verlaufenden Schwangerschaft ein Krankenhaus aufzusuchen, die aber auch aus verschiedenen Gründen nicht zu Hause bleiben können oder möchten. Wir sehen, dass die Frauen mehr und mehr verunsichert sind durch die Technisierung der Geburtshilfe, dass vielen Frauen das Vertrauen in die eigene Gebärfähigkeit fehlt. Vielfach ist das Gebären/die Geburt reduziert auf einen medizinischen Akt, was meistens nicht gut ausgeht. Wir möchten die Frauen in ihrem Vertrauen stärken, eigenverantwortlich und gesundheitsbewusst ihre Schwangerschaft, ihre Geburt und auch die Zeit mit ihrem Kind erleben zu können.

Eine Frau, die einen positiven Schwangerschafts- und Geburtsverlauf hat, geht auch gestärkt in eine Mutter-Kind-Beziehung. Sie wird geprägt ihr Leben lang, wenn sie ein schönes Geburtserlebnis hat, ganz zu schweigen von dem Kind. Auch die Familie, der Mann - die gesamte Familienstruktur profitiert natürlich von einer gut verlaufenen Geburt.

TMW: Wir haben gehört, dass das Geburtshaus von erfahrenen Hebammen gegründet wurde und geführt wird. Welche Dienstleistungen bietet das Geburtshaus Münster einer schwangeren Frau an, die sich entschieden hat, ihr Kind im Geburtshaus zur Welt zu bringen?

SJ: Wenn eine Frau sich zur Geburt anmeldet, dann sind das zunächst einmal die Vorsorgeuntersuchungen. Sie hat aber auch die Möglichkeit, an verschiedenen Kursen teilzunehmen, wie z. B. Geburtsvorbereitung für Paare oder Frauen allein, aber auch Joga für Schwangere, Akupunktur, Hilfe bei Beschwerden und verschiedene andere Kurse rund ums Elternwerden. Die Vorsorgeuntersuchungen, liegen uns sehr am Herzen, denn es soll sich ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Zum anderen möchten wir auch die Schwangere und die Schwangerschaft kennen lernen, damit wir auch den Geburtsverlauf gut betreuen können.

Vorsorge beinhaltet zunächst nichts anderes als den physiologischen Verlauf der Schwangerschaft zu beobachten und zu begleiten, pathologische Veränderungen zu erkennen und Hilfestellung zu leisten. Das natürliche Vertrauen, die Schwangerschaft als etwas Selbstverständliches und Normales zu betrachten möchten wir bei den Frauen wieder stärken, weil es bei vielen Frauen verschwunden ist.

TMW: Im Geburtshaus läuft eine Geburt ja meistens etwas anders ab als in einem Krankenhaus. Welche Möglichkeiten der Geburt hat eine Frau im Geburtshaus Münster? Nach welchen Methoden wird gearbeitet?

SJ: Wir denken, dass es nicht so sehr auf eine bestimmte Methode ankommt, sondern vielmehr auf den Respekt und die Achtung vor dem Menschen. Das heißt, wir begegnen den zu betreuenden Frauen und Paaren, den Ungeborenen als auch den Neugeborenen, mit Achtung und Respekt. Wir respektieren die Andersartigkeit und versuchen, wenn irgend möglich und der Geburtsverlauf es erlaubt, den Frauen die Geburt zu ermöglichen, die sie sich wünschen und vorgestellt haben. Das erfordert großes Einfühlungsvermögen, ein Kennen der Schwangeren, größte Geduld und Achtsamkeit. Wir schreiten eigentlich nur dann ein und geben Tipps oder auch mal eine konkrete Anweisung, wenn es nötig ist. Ansonsten geben wir den Frauen Raum, Zeit und Vertrauen. Ob sie nun liegend, sitzend, hockend, stehend, ob im Wasser oder auf dem Hocker ihr Kind gebären möchten, wird sich im Geburtsverlauf dann herausstellen. Moderne, teuere Gerätschaften sind nicht nur unnötig, sondern hindern eigentlich den Geburtsverlauf. Geduld, Vertrauen, Achtung und Respekt, mit der nötigen Erfahrung und dem Fachwissen, stützen die Frauen mehr als die neuesten Errungenschaften.

TMW: Es ist ja inzwischen auch bekannt, dass es sehr wichtig ist, dass das Neugeborene möglichst bald nach der Geburt, am besten noch innerhalb der ersten halben Stunde, zum ersten Mal angelegt wird. Wie wird das Stillen im Geburtshaus unterstützt? Kann sich die Mutter vielleicht schon während der Schwangerschaft über das Stillen informieren? Bietet ihr auch eine Stillberatung nach der Geburt an?

SJ: Das Stillen ist erst mal für uns selbstverständlich. In der Regel gibt es selten Probleme. Wir bereiten die Frauen schon in der Schwangerschaft vor, sowohl in den Vorsorgeuntersuchungen als auch in den Geburtsvorbereitungskursen. Wir sprechen über Probleme, die vielleicht schon bekannt sind z. B. durch Hindernisse bei der Anatomie der Brustwarzen oder Operationen, so dass wir den Frauen schon im Vorfeld Hilfestellung geben können bei der Vorbereitung der Brustwarzen. Ansonsten ist das Stillen bei uns selbstverständlich und wird sehr unterstützt, das gilt für das erste Anlegen direkt nach der Geburt als auch bei den täglichen Hausbesuchen nach der Geburt. Auch hier bleibt nur zu sagen, dass Vertrauen, Respekt und manchmal Geduld vonnöten ist. Wir greifen auch erst sehr spät zu irgendwelchen Hilfsmitteln, wenn sie denn nötig sind, und versuchen, das Stillen trotz aller Schwierigkeiten zu unterstützen und in Gang zu kriegen.

Es gibt auch eine Stillberatung. Bis zum Ende der Stillzeit haben Frauen Anspruch auf Beratung und Unterstützung und diese wird auch sehr in Anspruch genommen. Frauen melden sich häufig noch Monate bis ein oder zwei Jahre nach der Geburt, um mit uns noch das eine oder andere zu besprechen, ob es das Zufüttern betrifft oder das Stillen an sich. Bei großen Problemen haben wir eine Kollegin, die Stillberatung anbietet - auch für Frauen, die ihr Kind nicht bei uns geboren haben, sondern einfach die Hilfe einer kompetenten Ansprechpartnerin brauchen.

TMW: Ihr habt ja zu vielen Frauen, wie wir gehört haben, im Rahmen der Nachsorgebetreuung noch Kontakt. Wie können Mütter und ihre ganzen Familien nach der Nachsorgebetreuung trotzdem noch Kontakt zum Geburtshaus halten, wenn sie das wünschen?

SJ: Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Zum einen ist der weitere Kontakt oft über Kursangebote möglich, die bei uns stattfinden - der erste ist in der Regel ein Rückbildungskurs. Wir bitten Entspannungskurse für Mütter oder auch Märchenabende für die ganze Familie an. Des weiteren gibt es auch Problemgruppen, z. B. Mütter, die per Kaiserschnitt entbunden haben und oft noch Gesprächsbedarf haben, treffen sich im Rahmen einer Kaiserschnittgruppe. Es gibt die Sommerfeste einmal im Jahr, wo viele Eltern kommen, die uns auf irgend eine Weise verbunden sind oder auch bei uns geboren haben. Es gibt das Geburtshauscafé, wo man einmal im Monat die Möglichkeit hat, sich wieder zu treffen, bzw. wo wir auch gerne eine Einladung an Schwangere aussprechen, die sich einfach mal informieren möchten - nicht nur durch uns Hebammen, sondern auch durch Frauen, welche die Erfahrung gemacht haben, hier geboren zu haben.

TMW: Was würdet ihr euch von der Gesellschaft wünschen - oder auf welche Weise können wir das Geburtshaus am besten unterstützen?

SJ: Ja, was wir uns am allermeisten wünschen ist mehr Akzeptanz. Es ist bewiesen dass die außerklinische Geburtshilfe genau so sicher ist wie die klinische Geburtshilfe, das belegen Zahlen der perinatalen außerklinischen Erhebung, die man einsehen kann. Darüber hinaus sind wir ein Verein und viele Eltern sind Mitglieder, wir haben 100 Mitglieder bei uns. Wir haben zweimal im Jahr Mitgliederversammlungen, wir haben Sommerfeste und verschiedene andere Aktivitäten. Wir wünschen uns einfach, dass unsere Idee weitergetragen wird durch Weitersagen, Vorleben, von den positiven Erlebnissen zu berichten, oder auch die Mitgliedschaft, ob nun passiv - eine Fördermitgliedschaft, oder auch aktiv in verschiedenen, z. B. fürs Sommerfest oder andere Aktivitäten mitzuhelfen. Am wichtigsten ist einfach, die Idee mit zu unterstützen und weiterzusagen, dass die außerklinische Geburtshilfe mindestens genau so sicher ist, wie die klinische Geburtshilfe.

TMW: Das war Susanne Jungmann, einer der Hebammen und Mitbegründerinnen des Geburtshauses Münster. Susanne, ich bedanke mich ganz herzlich bei dir für das Gespräch.

SJ: Bitte, und ich danke dir auch, dass du bei uns warst, weil das eine gute Möglichkeit für ist, von unserer Arbeit zu berichten.